Abgeschweift

Ein Abend mit Ennio Morricone

Manche Träume erfüllen sich erst nach 15 Jahren. Aber dann richtig. Zu Gast beim Abschlusskonzert einer Filmmusik-Legende.

Abschied einer Legende
29. Juni 2019. Ein warmer Sommerabend im toskanischen Städtchen Lucca. Ein älterer Herr im Anzug, dem warmen Wetter auch mit 90 Jahren noch trotzend, betritt entschlossenen Schrittes eine große Freilichtbühne. In der linken Hand, fest umschlungen, ein längerer Stock, der auf die Entfernung an einen spitzen Dolch erinnert. Doch der Mann kommt in Frieden. Er schreitet mit fokussiertem Blick in Richtung eines unscheinbaren kleinen Podests. Auf dem ein noch unscheinbarer kleiner Stuhl auf ihn wartet. Und dahinter die knapp 100 Musiker des Roma Sinfonietta Orchestra.

Den aufbrandenden Applaus der 20.000 Zuschauer vor der Bühne nimmt Ennio Morricone kaum zur Kenntnis. Eine kurze Verbeugung, ein bisschen Winken – das muss für das Publikum reichen. Morricone ist hier für etwas Anderes. Er setzt sich, hält kurz inne und reckt dann den Stock hoch in Richtung des einsetzenden Sonnenuntergangs. Das Publikum hält gespannt den Atem an. Darunter auch ein etwas dehydrierte deutsche Tourist in Block 1, Reihe 37, Platz 4. Der Stock schwingt nach unten. Es beginnt das Abschiedskonzert einer Legende.

Ein Abend mit Ennio Morricone
Gleich gehts los. Die Zuschauer richten sich nur noch ihre Revolvergürtel.

Die Tränen des Gasteig
Eigentlich beginnt diese Geschichte ja schon im Sommer 2004. Jeden Morgen machte ich mich damals per Fahrrad auf zu meinem damaligen Praktikum bei einer Münchner Filmproduktionsfirma. Und jedes Mal führte mich der Weg vorbei am Münchner Gasteig. Ein schrecklicher Backstein-Beton-Klotz, in dem ironischerweise ein Kulturzentrum und auch der größte Konzertsaal der Stadt untergebracht sind. Beim Anblick dieses architektonischen Verbrechens stieg ich am Morgen immer gerne noch mal extra stark in die Pedale. Bis auf den Tag, als mich dort Ennio Morricone von einem Plakat anblickte – schon damals den Taktstock fest in der Hand haltend. Es war Werbung für das erste Konzert der Filmkomponisten-Legende in Deutschland. Und das mit 75 Jahren.

Nun hat man als Praktikant ja eher ein überschaubares finanzielles Budget zur Verfügung. Und so siegte letzten Endes Verstand über Herz und sowohl Ennio als auch das Innere des Gasteigs blieben weiter ein unentdecktes Mysterium für mich. Letzteres konnte ich ganz gut verkraften. Aber Morricone verpasst zu haben, das nagte noch viele Jahre an mir. Die Chance würde so schnell wohl nicht wieder kommen. Immerhin war der Junge schon 75 Jahre alt. Aber hier hatte jemand die Rechnung ohne die italienische Sturheit des Meisters und die Vorzüge mediterraner Ernährung gemacht.

Ein Abend mit Ennio Morricone

Italienische Effizienz
15 Jahre später. Januar 2019. Für Fahrradfahren ist es definitiv zu kalt. Im Internet zu surfen geht aber problemlos. Und dabei stolpere ich über einen Artikel, in dem die große Abschiedstournee des Meisters erwähnt wird. Mit 90 Jahren! Da ist sie, meine zweite Chance. Ein Blick aufs Konto ist auch deutlich beruhigender als noch vor 15 Jahren und so steht die Entscheidung schnell fest. Jetzt wird gebucht. Und zwar richtig. Wenn, dann bitte das allerletzte Konzert von Morricone in seiner italienischen Heimat. Ein Freiluftkonzert in Lucca vor der historischen Stadtmauer. Klingt traumhaft. Und irgendwo in München kommen einer alten Backsteinfassade gerade die Tränen.

Das Ticket wird umgehend auf einer etwas unübersichtlichen italienischen Event-Seite gekauft. Deren englische Übersetzung das ein oder andere Stirnrunzeln verursacht. Nur drei Tage später liegt das Ticket, allen Klischees trotzend, aber im Briefkasten. Geht doch mit der Geschwindigkeit, liebe Italiener. Gut, wenn der Hauptact 90 Jahre alt ist, würde ich als findiger Geschäftsmann auch so schnell wie möglich die Förmlichkeiten über die Bühne bringen. Glücklicherweise stellt sich die Sorge um Morricones Gesundheit aber als unbegründet heraus. Selbst trotz Rekordhitze zieht dieser seine Tour ohne mit der Wimper zu zucken durch. Es ist also alles angerichtet für den 29. Juni 2019.

Ein Abend mit Ennio Morricone
Nach einer Woche Italien-Rundreise: Das Ticket nähert sich optisch dem Alter seines Künstlers.

 

Ein Land huldigt Morricone
Einen ersten Vorgeschmack auf das Konzert erhalte ich bereits einen Tag zuvor. Piazza della Signoria, Florenz. Ein kleines Blasorchester gibt hier ein paar Lieder zum Besten. Und wechselt auf einmal das Genre. Eine Westernmelodie nach der anderen ertönt und die vorher noch kleine Menschenmenge wächst spürbar an. Gut, nicht jeder Ton sitzt perfekt. Aber das zeigt nur deutlicher, welche Kraft die Musik Morricones besitzt. Ein klein bisschen Magie unter dem Abendhimmel von Florenz.

Gutes Timing beweise ich auch am nächsten Tag. Da komme ich pünktlich zu den Proben des Konzerts in Lucca an. Das Festivalgelände mag abgesperrt sein, aber die Musik schallt über das komplette Örtchen. Und so läuft ein durchgeschwitzter deutscher Tourist mit Reiserucksack zu den Klängen von „Spiel mir das Lied vom Tod“ durch das historische Stadttor. Unbezahlbar. Genauso wie die Atmosphäre in der Stadt, wo jeder Laden in Vorfreude Morricones größte Hits rauf und runter laufen läßt. Es hat schon etwas irritierendes, wenn man ein Kleidungsgeschäft betritt und einem die Titelmelodie von „Zwei glorreiche Halunken“ entgegenschallt. Ich erwische mich dabei, wie ich kurz an den Gürtel greife. Vergebens.

Ein Abend mit Ennio Morricone
Auch Florenz hat das Morricone Fieber gepackt. Wenn auch in der Light-Version.

Drei Stunden für die Ewigkeit
Und dann beginnt das Konzert. Das Morricone zum letzten Mal eine große Bühne betritt merkt man ihm nicht an. Er wirkt beinahe emotionslos. Und wird das ganze Konzert über auch keinen einzigen Ton sagen. Stattdessen braust er durch 60 Jahre Filmgeschichte. Los geht es mit „Die Unbestechlichen“. Dann ertönen auch schon bald die ersten Klänge von seinen berühmten Sergio Leone-Kooperationen. In den ersten Teil packt er so die ganzen Westernmelodien und endet vor der Pause mit dem grandiosen „Ecstasy of Gold“. In der zweiten Hälfte gibt es dann vor allem jede Menge aus „Cinema Paradiso“ und, für die jüngeren, auch einen kleinen Ausflug zu Tarantino. Vieles ist mir vertraut, manches vergessen (das er hinter dem wundervollen Titelstück aus „Die Verdammten des Krieges“ steckt hatte ich zum Beispiel nicht mehr auf dem Schirm) und einiges entdecke ich zugegebenermaßen zum ersten Mal.

Ein Abend mit Ennio Morricone
Fokus, Fokus, Fokus. Morricone in seinem Element.

Fast drei Stunden spielt der Meister und läßt sich dabei nie aus der Ruhe bringen. Naja, bis auf ein einziges Mal. Als bei einem der Stücke eine sehr ruhiger Passage einsetzt wagen es ein paar Zuschauer tatsächlich zu klatschen. Nicht ahnend, dass wir uns erst in der Mitte des Stückes befinden. Und glücklicherweise schaltet genau in diesem Moment die Regie auf eine Nahaufnahme von Morricone. So sieht das ganze Publikum auf den zwei riesigen Leinwänden dessen Reaktion auf diesen Faux-Pas einiger Zuschauer. Morricone wird rot, plustert die Backen auf, zieht die Augenbrauen hoch und ringt mit der Fassung. Er schnaubt kurz und reißt sich geradeso noch zusammen. Das Publikum muss lachen. Auch mit 90 Jahren hat dieser Mann nichts von seiner Leidenschaft eingebüßt.

Dank italienischem Regionalfernsehen gibt es auch Bewegtbilder des Konzerts. Grazie mille.

Ich gehe in Frieden
Am Ende gewährt uns der Meister dann auch noch drei Zugaben. Für die er, ohne wieder ein Wort zu verlieren, jedes Mal mit erstaunlich schnellem Schritte (zumindest für einen 90jährigen) auf die Bühne eilt. Und mit welchem Lied verabschiedet er sich? Das von allen so heißgeliebte „Ecstasy of Gold“ ist nur die vorletzte Zugabe. Den Schlusspunkt setzt dagegen das eher etwas unbekanntere „Abolicao“ (aus dem 60er Jahre Film „Queimada – Insel Des Schreckens“). Klingt düstern, ist aber ein Friedenslied. Und für Morricone wohl ein passenderer Abschied, als ein Stück aus einem italienischen Spaghetti-Western.

Ein Abend mit Ennio Morricone
Ganz der Gentleman. Morricone dankt Dulce Pontes für ihren Gesang zu „Abolicao“.

Es ist das perfekte Ende eines perfekten Konzerts. 15 Jahre Wartezeit hat sich in diesem Fall mal so richtig gelohnt. So verbeuge ich mich hier noch ein letztes Mal vor einem großartigen Künstler. Aber, und da würde mir auch Morricone beipflichten, sollte man statt Worten doch lieber einfach eines seiner Stücke spielen. Meine Wahl fällt zum Abschied aber nicht auf eine seiner legendären Westernmelodien. Auch wenn ich nur wenige Musikstücke kenne, die bei mir so das Adrenalin in die Höhe jagen wie „Ecstasy of Gold“.

Nein, zum Abschied gibt es einen Filmmoment, der für mich wie fast kein zweiter die Kraft des Zusammenspiel zwischen Bildern und Musik verdeutlicht. Kein großes Duell, keine glorreichen Helden. Sondern stattdessen ist unser Protagonist ein kleiner Junge, der seiner großen Liebe einfach nur eine kleine Freude machen möchte. Was dann passiert ist ein wundervoller Charaktermoment, in dem durch das Zusammenspiel aus Film und Musik etwas Magisches entsteht. Ein eigentlich ganz kleiner Moment wird zu ganz großem Kino. Play it again, Ennio:

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