Abgeschweift

Netflix und die Folgen

Wir lieben Content. Und die Wirtschaft Geld zu machen. Das hat Folgen. Auch für diesen Blog.

Wir leben in einer Abo-Kultur. Auf der einen Seite steht eine Gesellschaft, die nach soviel Auswahl wie möglich lechzt. Oder diese zumindest begeistert annimmt. Auf der anderen Seite die Wirtschaft, die darin die Chance auf ein ertragreiches Business-Modell ausgemacht hat. Klingt eigentlich doch nach einem fairen Deal. Oder etwa nicht?

Die Qual der Wahl zu haben ist ja prinzipiell erst einmal etwas Positives. Und dafür zahlen zu müssen dann auch nur gerecht. Musik mit Spotify, Fussball via Sky, Serien dank Netflix, Spiele über Xbox Gold, die besten News dank Premium-Account bei der Süddeutschen – wer immer alles zur Verfügung haben möchte muss eben tief in die Tasche greifen. Kann ja schließlich jeder selbst entscheiden, wie stark er seinen Konsumhunger stillen will. Diese Überfrachtung der Menschheit mit digitalen Inhalten hat aber natürlich jede Menge Facetten und Konsequenzen. Auf zwei Aspekte, die Auswirkungen auf diesen Blog haben, möchte ich hier kurz eingehen.

Schlechte Laune durch Segmentierung
Der erste Punkt ist ganz praktischer Natur. Da die Wirtschaft Abos als verläßlich-konstante Einnahmequelle erkannt hat, versucht im Moment gefühlt jeder einen langfristig auf seine Seite zu ziehen. Während ich im Musikbereich mit Spotify noch eine relativ gute Abdeckung bekomme, sieht das bei Filmen und Serien leider etwas anders aus. Hier will gefühlt jeder etwas vom großen Kuchen, was zu einer sehr nervigen Segmentierung führt. Mit Netflix, Amazon und Sky hat man bereits drei große Platzhirsche auf der Lichtung. Und jetzt stehen dann auch noch der neue Disney Kanal und Apple TV in den Startlöchern.

Natürlich, der Markt wird sich nach einer gewissen Zeit konsolidieren (mit Youtube als erstem prominenten Opfer?). Denn mehr als zwei Abos werden sich wohl die wenigsten Menschen zulegen. Aber in den nächsten Jahren wird das erstmal ein sehr nerviger Flickenteppich sein. Nichts mit dem Traum einer großen digitalen Filmbibliothek. Die erreicht man nur durch die Kombination unterschiedlicher Abos. Wobei diesem digitalen Flickenteppich für Cineasten immer noch etwas Entscheidendes fehlt. Nämlich ein Anbieter, der auch viele Klassiker (und ganz generell ältere Filme) im Repertoire hat. Da sieht es nämlich bei allen bisherigen Beteiligten richtig mau aus.

Wo bleiben die Klassiker?
Als Filmliebhaber wartet man deswegen sehnsüchtig auf den Europastart des geplanten Criterion-Kanals, der diese Lücke schließen könnte. Abgesehen davon, dass der noch nicht feststeht, wäre dies aber eben wieder ein Abo mehr. So bleibt eine Ideallösung für den Cineasten (und etwas frustrierten Blogbetreiber) erst mal in weiter Ferne. Aktuell löse ich persönlich das Dilemma mit einem Netflix-Abo, das hin und wieder mit ein paar Einzelkäufen bei Amazon und klassischen DVD’s und Blurays unterfüttert wird. Gut, bei aktuell nur zwei Besprechungen pro Monat ist das für den Anfang völlig ausreichend. Langfristig aber eben keine wirklich handliche Lösung. Aber vielleicht hat bis dahin der Markt dieses Problem ja schon von alleine gelöst.

 

Ein neuer Anfang
Beim zweiten Aspekt handelt es sich dagegen um einen etwas subtileren Einfluss. Der nicht die Logistik des Blogs, sondern deren Inhalt beeinflusst. Die Art, wie wir heute Filme und Serien konsumieren, hat nämlich auch Einfluss auf die Charaktereinführung. Werfen wir nur mal einen Blick auf die Musikbranche. Musikproduzenten und Künstler weisen hier in Interviews immer öfter darauf hin, wie Spotify und die Streamingkultur die “Ware Musik“ verändern. Einer der eindrücklichsten Punkte dabei: die neue Bedeutung des Songanfangs.

Der heutige Konsument entscheidet, dank Riesenauswahl, meist bereits nach wenigen Sekunden über das Weiterhören. Gibt ja noch soviel anderes Zeug da draußen. Die Folge? Songs müssen viel schneller auf den Punkt kommen. Lange Gitarrensolos zu Beginn werden seltener, dafür setzt die Stimme der Künstler viel früher ein, genauso wie der schmissige Refrain. Schließlich will man die Kundschaft ja nicht verlieren.

Zur Sache, Schätzchen
Genau das gleiche Phänomen findet sich auch bei den fürs heutige Streaming konzipierten Filmen und Serien. Möglichst schnell zur Sache kommen lautet oft die Devise. Der berüchtigte Netflix-Algorithmus, auf den ich ja zum Beispiel schon bei “House of Cards“ zu sprechen kam, lügt eben nicht. All das wird über kurz oder lang einen gehörigen Einfluss auf die Art der Charaktereinführung haben. Es ist ein schleichender Prozess, der hier begonnen hat. Und der über kurz oder lang auch vor “langsameren“ Medien, wie dem Kino, nicht halt machen wird. Veränderte Sehgewohnheiten werden eben nachher von allen Seiten aufgenommen.

Die Folge für Charaktereinführungen? Ruhige und lange Einführungen werden wohl deutlich seltener werden. Das kann man nun betrauern, aber wohl leider nicht verhindern. Der Start der eigentlichen Geschichte wird noch früher erfolgen und auch das wird seinen Einfluss auf die Art der Charaktereinführung haben. Schon jetzt sieht man ja auch hier bei den besprochenen Serien im Blog, dass sehr gerne erst mal direkt in die Hauptgeschichte gesprungen wird. Und die Figur erst eine deutlich lebhaftere Einführung erhält, bevor dann einen Gang zurückgeschaltet wird. Und nicht umgekehrt, wie das oft früher der Fall war. Das mag Freunden des langsamen Erzähltempos (zu denen ich mich auch zähle) zwar nicht entgegenkommen. Aber wir wollen diesen Artikel jetzt auch nicht mit schlechter Laune beenden. Denn könnte ja auch durchaus spannend werden, welche kreativen Antworten Drehbuchautoren auf diese Entwicklung in den nächsten Jahren noch so parat haben.

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