Film

Norman Bates – Psycho

Eine Dusche kann ja so erfrischend sein. Solange der Vermieter nicht den Generalschlüssel hat. Hebt Mutterliebe auf ein ganz neues Level: Norman Bates.

Psycho (1960) – Die Story

Drehbuch: Joseph Stefano
Liebe ist schon eine tolle Sache. Mit viel Geld aber einfach noch schöner. Um sich und ihrem Lover Sam eine Freude zu machen läßt die attraktive Sekretärin Marion Crane auf ihrer Arbeit 40.000 Dollar mitgehen. Und nimmt dann schnell Reißaus. Auf ihrer Flucht landet sie durch Zufall im etwas abseits gelegenen und seines besten Jahre schon hinter sich habenden Motel von Norman Bates (Anthony Perkins). Aber ist ja nur für eine Nacht, was soll da schon passieren…

 

Die Einführung von Norman Bates

Es dauert geschlagene 27 Minuten, bis wir das erste Mal auf unseren mysteriösen Motelbesitzer treffen. Vorher bekommen wir in aller Ausführlichkeit die Geschichte der genauso jungen wie attraktiven Blondine Marion Crane geschildert. Ihre Affäre mit dem am Hungertuch nagenden Sam, der Diebstahl des Geldes und Marions Flucht. Es ist schließlich der stark einsetzende Regen, der Marion dazu zwingt mitten in der Nacht Bates Motel aufzusuchen. Leider ist der Empfang dort unbesetzt. Ganz im Gegensatz zu der alten Villa hinter dem Motel, in dem Marion am Fenster die Kontur einer Frau erkennt. Einmal kräftig auf die Hupe gedrückt und schon öffnet sich die Tür der Villa. Heraus kommt allerdings ein junger Mann: Norman Bates.

Bates geleitet Marion in den Empfangsraum und eröffnet ihr, dass alle 12 Zimmer noch frei wären. Nichts los hier, seit der Verlauf des Highways geändert wurde. Lächelnd erklärt er ihr, dass er hier trotzdem tapfer seinen Dienst verrichtet. Marion trägt sich unter falschem Namen in das Gästebuch ein, anschließend zeigt Norman ihr frohgelaunt das von ihm auserwählte Zimmer Nr. 1. Bei der Präsentation des Badezimmers kommt Norman aber etwas ins Stottern. Lädt dann aber wieder ganz galant zum späteren gemeinsam Essen in der Villa ein und verläßt den Raum. Während Marion die 40.000 Dollar im Zimmer versteckt überhört sie aus der Villa eine lautstarke Auseinandersetzung. Normans Mutter ist gar nicht „amused“ über ein junges Ding am Essenstisch. Das Ergebnis: Norman steht kurz darauf mit einem Essenstablett vor Marions Tür. Er entschuldigt sich für das Verhalten seiner Mutter, lädt aber Marions Einladung doch bei ihr im Zimmer zu essen verschüchtert ab. Das Bürogebäude sei ihm lieber.

Das kleine Hinterzimmer beim Empfang ist bestückt mit ausgestopften Vögeln. Ein kleines Hobby unseres schüchternen Jungen. Während Marion isst plaudert Norman über sein Leben und stellt fest, dass ja jeder so in seiner privaten Falle stecke und man dem Schicksal nicht entkommen könne. Marions Argument, dass man ja dagegen ankämpfen kann, widerspricht er. Bates kommt auf seine Mutter zu sprechen, die nach dem Tod ihres Mannes psychisch labil geworden ist. Als Marion die Möglichkeit einer Einweisung in eine Psychiatrie anspricht reagiert Norman aggressiv. Das kommt nicht in Frage. So sehr er den rauen Umgangston seiner Mutter auch hasst, er könnte sie einfach nicht alleine lassen. Sie ist ja nicht böse. Nur manchmal eben ein bisschen crazy.

Marion wiederum kommen Gewissensbisse hinsichtlich ihres Diebstahls und sie teilt Bates mit, wieder nach Phoenix zurückkehren zu wollen. Sie nennt Norman zum Abschluss ihren richtigen Namen und verabschiedet sich ins Bett. Norman schnappt sich das Gästebuch und muss angesichts ihrer falschen Unterschrift grinsen. Durch ein Loch in der Wand beobachtet er anschließend für einige Augenblicke, wie Marion sich auf ihre abendliche Dusche vorbereitet. Creep. Anschließend verlässt Norman das Bürogebäude, zögert erst kurz und geht dann genauso entschlossenen Blickes wie Schrittes hinauf zur mütterlichen Villa.

Die Analyse

Ganz schön viel Einführung. Vom ersten Auftritt Normans bis hin zur legendären Duschszene – all dies ist in eine einzige am Stück ablaufende Sequenz gepackt. In der wir nicht nur unglaublich viele Facetten von Norman Bates erleben, sondern gleichzeitig auch von Altmeister Hitchcock ganz schön aufs Glatteis geführt werden. Das schauen wir uns doch genauer an. Deswegen gibt es hier nun auch einen dicken Spoileralarm für Nichtkenner. Bitte erst Film schauen und dann weiterlesen.

In Punkto Figureneinführung liegt der Reiz bei „Psycho“ ja vor allem darin, dass der Zuschauer nach einer Dreiviertelstunde umdenken muss. Da liegt die Hauptfigur nämlich plötzlich tot in der Dusche. Zusammen mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Und eine scheinbare Nebenfigur rückt auf einmal in den Fokus. Dabei ist es spannend zu sehen, welches Vorgehen Hitchcock wählt um Norman dem Publikum näherzubringen. In dem er nicht ganz mit offenen Karten spielt gelingt es ihm, die Figur sowohl charaktergerecht einzuführen als auch den großen Twist des Filmes nicht wirklich zu gefährden.

So ein netter Junge. Aber auch der erste Eindruck kann mal täuschen. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Charmebolzen mit kleinen Fehlern
Wir beginnen mit jeder Menge Charme. Und einer Prise Schüchternheit. Vor allem aber Manieren. Denn in den ersten Minuten zeigt sich Bates von seiner besten Seite. Da wird für Marion der Regenschirm gehalten, die Koffer getragen und das Fenster Zwecks Frischluft geöffnet. Dazu gibt es noch jede Menge charmanter Small-Talk, der schließlich in der Einladung zum gemeinsamen Abendessen gipfelt. Die höflich-schüchterne Art und Weise wie Norman diese Einladung präsentiert, läßt uns als Zuschauer kaum an dessen guten Absichten zweifeln. Dank Anthony Perkins sympathischem Lausbuben-Charme wiegt einen „Psycho“ allerdings in falscher Sicherheit. Und wer genau hinschaut entdeckt dann doch den ein oder anderen Hinweis darauf, dass hier irgendwas noch unter der Oberfläche schlummert.

Es sind hier zwei Momente, die zu Beginn der Einführung herausfallen. Zum einen das zögernde Verhalten von Bates, als dieser sich für einen Zimmerschlüssel entscheiden muss. Das Verhalten passt nicht so wirklich zu dem davor doch relativ energiegeladenen jungen Mann. Warum Norman zögert kann man zwar zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, aber es ist ein cleverer Weg, um die Figur schon einmal weniger glatt wirken zu lassen. Irgendetwas stimmt mit dem Jungen nicht. Ähnlich sieht das dann auch ein wenig später bei der Präsentation des Motelzimmers aus. Der energetische Auftritt von Norman wird auf einmal unterbrochen, als dieser das Badezimmer präsentieren soll. Plötzlich fehlen ihm die Worte und er gerät ins Stocken. Die Gründe dafür werden auch erst später deutlich, aber der Zuschauer stutzt trotzdem kurz. So nutzt Hitchcock die ersten Minuten mit Norman dafür, die Figur zwar erst mal als grundsätzlich harmlos zu etablieren. Aber durch diese kleinen Andeutungen, dass irgendetwas hier noch im Busch sein könnte, wird die Komplexität der Figur bereits angedeutet.

Bei der Präsentation des Badezimmers kommt Norman ins Stocken. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Sinnesraub am Zuschauer
Diese doppeldeutigen Andeutungen sind natürlich auch ein nettes kleines Spiel mit dem Zuschauer, der ja noch nicht ahnt, was unter anderem in dem Badezimmer noch so passieren wird. Diese Doppeldeutigkeit treibt der Film auch im Dialog auf die Spitze. So redet Norman darüber, dass es keinen Sinn macht über Verluste nachzutrauern und dass er ja einfach so weitermacht als sei nichts gewesen. Die Worte beziehen sich in dem Moment eigentlich auf die aktuelle Situation des Motels. Passen aber genauso gut auf diese „andere Sache“, die Norman sozusagen trotz Todes am Leben hält. Wovon der Zuschauer aber noch nicht den Hauch einer Ahnung hat. Und damit das so bleibt, folgt nach Marions Check-In die kleine aber bedeutsame Szene, in der Marion eine Diskussion zwischen Norman und seiner Mutter überhört.

Es ist vor allem dieser Moment, der das ganze Konstrukt der restlichen Geschichte am Leben erhält. Ein „gemeiner“ Trick von Hitchcock, um den Zuschauer auf die falsche Fährte zu führen. Und gleichzeitig ein ganz ungewöhnlicher Weg für eine Charaktereinführung. Dadurch, dass wir die beiden Dialogpartner nur hören und nicht sehen, begreifen wir als Zuschauer nicht, dass die Mutter nur in Normans Kopf existiert. Ein reines Wahrnehmungsproblem, denn das Gespräch selbst findet ja tatsächlich so statt. So haben wir es also mit dem außergewöhnlichen Fall einer Einführung zu tun, bei dir wir das Verhalten einer Figur völlig falsch einschätzen, obwohl wir ja keine falschen Informationen bekommen haben. Nur eben zu wenig.

Marion hat nicht gerade den Romantik-Blick aus ihrem Fenster. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Was würde Mutti dazu sagen?
Für den Zuschauer ergibt sich in dem Gespräch folgendes Bild. Norman wird von seiner Mutter unterdrückt, versucht aber verzweifelt gegen ihre Macht anzukämpfen. Er traut sich zwar nicht gegen ihren Willen mit Marion in der Villa zu essen, aber eine komplette Kapitulation legt er hier auch nicht hin. Schließlich brüllt er ja immerhin seine Mutter an und verlagert das „Date“ dann einfach diplomatisch in sein Büro. Dabei belügt uns der Film nicht, denn all diese Charakterzüge existieren ja tatsächlich in Norman. Was wir nicht wissen: der unterdrückte Norman macht eben nur die Hälfte dieser Figur aus.

Nach diesem emotionalen Ausflug ist man dann aber auch gleich wieder bemüht, denn eben noch so aufgewühlten Norman wieder in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren. So entschuldigt er sich anständig bei Marion für den lauten Streit. Und was dann folgt ist das perfekte Bild für diesen hin- und hergerissenen Charakter. Fast ängstlich weicht Norman zurück als Marion ihn in ihr Zimmer einlädt. Zögernd lehnt er vollkommen verschüchtert das Angebot ab – immer im Gedanken an die Worte seiner Mutter. Schüchterner Junge mit jähzorniger Mutter, das reicht aber doch noch nicht so wirklich für einen spannenden Psychothriller. Und so zündet Hitchcock beim folgenden Abendsnack Stufe 3 der Charaktereinführung.

Mit einer hübschen Blondine aufs Zimmer? Was da wohl Mutter sagen würde. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Big mother is watching you
Nein, dieses Abendessen ist nicht einfach nur ein netter Plausch. Sondern ein verdammt intensiver Schlagabtausch voller Doppeldeutigkeiten, durch den vor allem Norman zu einer hochkomplexen Figur avanciert. Mit jeder Menge Schattenseiten. Um das zu erreichen nutzt Hitchcock gleich ein ganzes Arsenal an Stilmitteln, um den guten Norman endgültig zu einer faszinierenden Mischung aus Charmebolzen und traumatisiertem Creep aufzubauen.

Da wäre einmal das Setting. Als ob das dunkle Zimmer nicht schon an sich bedrohlich wirken würde, ist es auch noch gefüllt mit ausgestopften Vögeln. Kleines Hobby von Norman. Was ihn
aber nicht gerade vertrauenswürdiger ausschauen läßt. Interessant ist aber, wie Hitchcock dieses Setting nutzt. Als Norman das erste Mal richtig emotional über seine Mutter redet, ist die Kamera auf einmal tiefer unterhalb von Norman platziert und schaut zu diesem auf. Im Hintergrund, erhöht über Norman: eine ausgestopfte Eule mit weit gespreizten Flügeln. Als Norman dann darüber spricht, dass er sich einfach nicht von seiner Mutter lösen kann, lehnt er sich zurück und gibt den Blick auf die über ihm thronende Eule frei. Mutter is watching. Eine wundervolle visuelle Metapher für die Situation der Figur.

Normans Dilemma in ein perfektes Bild gepackt. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Norman läßt die Hüllen fallen
Gleichzeitig wird Norman aber auch immer nervöser. Da werden die Hände geknetet, gestottert und schon mal auf verstörende Art und Weise auf Knopfdruck der Gesichtsausdruck gewechselt. Als Norman über den Tod des Freundes seiner Mutter redet, verfällt er von einem auf den anderen Moment von einem traurigem Blick in ein gezwungenes Grinsen. Mit jeder Minute wird deutlicher, wie hin- und hergerissen diese Figur ist. Am offensichtlichsten wird das aber bei dem immer wieder zum Fenster schweifenden Blick Normans. Als er einwirft, dass die Leute ja nie von etwas weglaufen schweift sein Blick umgehend zum Fenster. Und wann immer er auf seine Mutter zu sprechen kommt, geht der Blick ebenfalls in Richtung heimatlicher Villa. Hitchcock findet also gleich mehrere Wege um bei der Charaktereinführung von Norman die über ihn wachende Mutter visuell einzuflechten.

Dazu gesellen sich dann natürlich noch die genauso doppeldeutigen wie oft auch verstörenden Dialoge. Nach einem flirtlastigen Beginn steigert das Drehbuch die Anspannung gekonnt Stück für Stück. Es beginnt noch relativ harmlos mit dem Statement von Norman, dass ja nur die Mutter der beste Freund eines jeden Jungen sei. Steigert sich dann aber immer weiter, um schließlich im großen Konflikt rund um die von Marion vorgeschlagene Einweisung der Mutter in die Psychiatrie zu gipfeln. Hier läßt Norman fast alle Hüllen fallen und wird zum ersten Mal richtig aggressiv und angsteinflößend. Die Mutter übernimmt sozusagen. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass genau in diesem Moment dann die lange abwesende Musik wieder einsetzt. Ihre Dramatik gibt uns einen weiteren Hinweis darauf, dass dieser Norman wohl nicht so harmlos ist, wie er sich gibt.

Mutter in die Klapse? Da wird auch der brave Norman mal richtig sauer. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Ein zerrissener Charakter
Ganz am Schluß übernimmt aber dann wieder der charmante „Norman“ das Steuer. Doch der Zuschauer hat genug gesehen, um ein nun deutlich runderes Bild dieses zwiegespaltenen Charakters zeichnen zu können. Das dieser Dialog beim Abendbrot so gut funktioniert in Punkto Charaktereinführung hat aber noch einen anderen Grund. Das Tolle ist nämlich, dass wir es hier mit zwei Figuren zu tun haben, die beide etwas voreinander verbergen. Dadurch ergibt sich ein spannungsgeladenes Umfeld und so eine wundervolle Grundvorraussetzung für intensive Charaktereinführung. Denn dank des perfekten Spannungsbogens ergeben sich die Charakterzüge von Norman ganz ungezwungen und sozusagen dynamisch aus dem Dialog heraus.

Abgeschlossen wird die Sequenz dann mit Normans Blick durch das Loch in der Wand auf die sich für die Dusche vorbereitende Marion. All das immer wieder kombiniert mit einem Zögern und Normans nachdenklichen Blicken in Richtung mütterliche Villa. Dieser Blick als Zeugnis seiner inneren Zerrissenheit folgt dann auch noch einmal als er wenig später das Motel verläßt und erst einmal innehalten muss, bevor er die Stufen zur Villa erklimmt. Eine Villa, die natürlich stets auch als eine Art Stellvertreter für die Mutter fungiert: bedrohlich und düster über Norman thronend.

Der Blick hoch zur Hausherrin. Sie wird hoffentlich nicht schimpfen. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Das Arsenal des Meisters
Die Einführung von Norman in „Psycho“ ist wahrlich ein Leckerbissen. Eben weil hier so viele verschiedene Rädchen nahezu perfekt ineinander greifen. Stück für Stück zeichnet der Film ein immer komplexeres Bild der Hauptfigur. Er nutzt nicht nur den Dialog und den grandiosen Anthony Perkins sondern auch meisterhaft visuelle und musikalische Hilfsmittel um am Charakter Normans zu feilen. Und man spielt gleichzeitig mit der Wahrnehmung der Zuschauer und lockt diese durch das Vorenthalten wichtiger Informationen auf eine falsche Fährte. Das Endergebnis ist eine der faszinierendsten Figuren der Kinogeschichte.

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