Film

Miranda Priestly – Der Teufel trägt Prada

Kleider machen Leute. Manchmal auch zu Monstern. Nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, aber garantiert immer en vogue: Miranda Priestly.

Der Teufel trägt Prada (2006) – Die Story

Drehbuch: Aline Brosh McKenna
Die so gar nicht modeaffine Jung-Journalistin Andrea, genannt Andy, übernimmt in New York in einer berühmten Modezeitschrift einen Job als zweite Assistenz der Chefredakteurin. Es ist aber weniger das ungewohnte Terrain, das Andy zu schaffen macht. Deutlich schwieriger gestaltet es sich, die Ansprüche der extrem fordernden Chefin Miranda Priestly (Meryl Streep) zufriedenzustellen.

 

Die Einführung von Miranda Priestly

Für ihr Bewerbungsgespräch betritt die nur auf das Nötigste gestylte Andy die Redaktion der berühmten Modezeitschrift Runaway. Die deutlich fescher angezogene Emily, ihres Zeichens erste Assistentin der Chefredakteurin, darf das Einstellungsgespräch führen – bezweifelt aber schon beim Anblick von Andy deren Chancen. Sie kennt ja auch die hohen Ansprüche ihrer Chefin Miranda, die ihre letzten beiden Assistentinnen schon nach ein paar Wochen feuerte.

Die Neuigkeit, dass Miranda heute überraschend früher ins Büro kommt ändert dann aber alles: Büroführung abgesagt und blankes Entsetzen der Angestellten. Während die schicke Miranda vor dem Gebäude elegant aus dem Auto steigt, versuchen Emily und der Rest des Büros (in Anwesenheit der verdutzten Andy) die wenigen verbleibenden Sekunden für ein komplettes Make-Over zu nutzen. Unter Hochdruck werden Schreibtische aufgeräumt, Lippenstifte nachgezogen und die High Heels aus dem Schrank geholt.

Glücklicherweise gelingt eine Punktlandung – aber Miranda würdigt bei ihrem Einmarsch ins Büro das Ergebnis dieses Einsatzes nicht eines einzigen Blickes. Stattdessen darf sich die arme Emily einen Vortrag über ihre eigene Inkompetenz von Miranda anhören und muss brav ihrer Funktion als menschlichem Terminkalender und Organisationssklave nachkommen. Von speziellen Essenswünschen im Restaurant, über Änderungen des aktuelle Covers bis hin zur Bitte, den Ex-Mann doch an den anstehenden Elternabend zu erinnern (und den neuen Mann zum gemeinsamen Abendessen einzuladen) ist da alles dabei.

Trotz ihres Befehlfeuerwerks entgeht Miranda aber nicht die Präsenz von Andy. Auf Nachfrage versucht Emily die scheinbar völlig unpassende Bewerberin kleinzureden, aber das Kind holt sie nicht mehr aus dem Brunnen. Wer hier eingestellt wird entscheidet immer noch die Chefin und so steht die völlig überforderte Andy auf einmal vor dem Schreibtisch der legendären Moderedakteurin.

Während Miranda in einer Zeitung blättert betet Andy nun ihren Lebenslauf herunter. Der scheint Miranda aber nicht wirklich zu interessieren. Schon eher dagegen die Tatsache, dass Andy bisher weder Modezeitschriften gelesen noch Mirandas Namen gekannt hatte. Als Miranda Andy auf deren nicht vorhandenen Modestil hinweist, versucht diese noch einmal ihre fachlichen Qualitäten hervorzuheben, wird aber daraufhin umgehend aus dem Büro geschickt – Zeitung lesen hat gerade für Miranda mehr Priorität.

Das wiederum läßt Andy nicht auf sich sitzen, kehrt um und kontert mit dem Versprechen über Einsatz all ihre Schwächen wieder wettmachen zu können. Das weckt dann doch die Neugier von Miranda – zumindest bis ihr künstlerischer Leiter Nigel mit Neuigkeiten um die Ecke kommt und Andy wieder zu Luft wird. Und so verläßt Andy ohne Hoffnung auf den Job oder Verabschiedung durch Miranda das Büro. Doch unten am Empfang wird sie von Emily eingeholt, die ihr mitteilt, dass sie den Job hat.

Eiskalte Chefin – Unser erstes Face-to-Face mit Miranda
(Foto: ©Twentieth Century Fox)

Die Analyse

„Der Teufel trägt Prada“ ist einer dieser Filme, bei dem man schon eine Woche später den Namen der Hauptdarstellerin vergessen hat. Das liegt aber nur zu Teilen an der etwas blassen Darbietung von Anne Hathaway alias Andy. Die wahre Schuldige findet sich in der gegenüberliegenden Ecke: Andys Antagonistin Miranda Priestly. Eine wundervoll überspitzte Persiflage der legendären Vogue-Chefredakteurin Anna Wintour, die in den Händen der begnadeten Meryl Streep zur alles dominierenden Figur avanciert (und den Rest leicht in Vergessenheit geraten läßt).

Dabei toben sich die Macher gerade in der Einführungsszene von Miranda mal so richtig aus. Es ist schön zu beobachten, wie bei einer derart extrem-satirisch angehauchten Figur die Einführung aussehen kann, schließlich kann man hier wirklich ungeniert aus allen Rohren schießen. Das Spannende: Bei Mirandas Einführung wird nicht nur einfach ein reines Klischee-Feuerwerk veranstaltet. Miranda bekommt nämlich tatsächlich auch einen ganz entscheidenden Hauch „Menschlichkeit“ und Tiefe verpasst.

Die Einführung von Miranda kann man dabei im Wesentlichen in drei Teile unterteilen. Zuerst wird ihr Ruf etabliert, dann die Figur als scheinbar herzlose und oberflächliche Chefin eingeführt, nur um ihr anschließend noch schnell einen Hauch Sympathie und Vielschichtigkeit zu verpassen. Für die ersten beiden Teile nutzt der Film eher den Vorschlaghammer, beim dritten kommt das Skalpell zum Einsatz.

Der Ruf eilt ihr voraus
Als erstes wird Miranda etabliert ohne überhaupt die Bildfläche betreten zu haben – wie wir es zum Beispiel auch schon bei Rick in Casablanca erlebt haben. Die ersten Informationen über Miranda kommen dabei von Emily – und es sind keine „guten“. Es werden laut Emily Bewerberinnen gesucht, die irgendwie überleben können, da Miranda die letzten beiden Assistentinnen ziemlich schnell entsorgt hat. Klingt nicht gerade nach Chefin des Jahres, sorgt aber natürlich für eine gewisse Neugier beim Zuschauer. Emily plaudert munter weiter und so erfahren wir noch mehr über Mirandas legendären Ruf in der Branche – die Figur wird also Stück für Stück überhöht. Wo jetzt aber andere Filme aufhören würden, gibt „Der Teufel trägt Prada“ erst richtig Gas. Ist ja schließlich Satire.

Als die Nachricht von Mirandas verfrühter Ankunft die Runde macht, mutiert die sonst so stocksteif wirkende Redaktion direkt zu einem panischen Hühnerhaufen. Hier wird so der legendäre Ruf von Miranda nicht einfach nur etabliert, er wird auf geradezu grotesk-abgedrehte Weise zelebriert. Ab jetzt sind alle Mechanismen der Figureneinführung auf Anschlag gedreht. In der nun folgenden Parallelmontage, in der Mirandas Ankunft im Gebäude mit dem panischen Büro-Make-Over unterschnitten wird, sowie dem anschließenden Gespräch zwischen Emily und Miranda, gibt es jede Menge zu entdecken. Da weiß man als Autor gar nicht, wo man sich bei diesem reich gedeckten Buffet der Extravaganzen als erstes Bedienen soll. Was dann einen überlangen Blogartikel zur Folge hat.

Erster Auftritt Miranda – Der Style ist entscheidend
(Foto: ©Twentieth Century Fox)

Teure Schuhe, edler Mantel, luxuriöse Handtasche – bevor wir Mirandas Gesicht zu sehen bekommen, erlaubt uns die Kamera erst einmal nur einen Blick auf ihre modischen Highlights. Natürlich genau der richtige Ansatz um diese Person zu etablieren. Noch schöner ist aber, wie der Film das beliebte Mittel des Kontrasts nutzt, um die Gegensätze zwischen Antagonistin und Protagonistin herauszuarbeiten (was in dem Intro des Filmes übrigens schon auf ähnliche Weise genutzt wurde, als Andys bodenständige Morgenroutine mit der einiger abgehobener Supermodel verglichen wurde).

Ein Weg, zwei Charaktere
Als „Kontrasthintergrund“ dient hier nun der Weg den Miranda zu ihrem Büro nimmt. Genau die gleichen Stationen dieses Weges hat man als Zuschauer nämlich davor schon mit Andy besucht. Allerdings trägt Miranda nun die „stylischere“ Tasche – was uns in einer nahezu identischen Einstellung präsentiert wird, wodurch dieser Unterschied zu Andy nur noch weiter verstärkt wird. Das ist aber noch lange nicht alles. Miranda wird bei ihrem Weg auch untersichtiger von der Kamera aufgenommen – was ihr noch einen Stück extra „Größe“ im Vergleich zu Andy verpasst. Ganz zu schweigen von Mirandas Gang. Während Andy zögerlich die Empfangshalle betritt, läuft Miranda entschlossen und geradlinig.

Andy wiederum muss am Empfang halten, Miranda dagegen wird ohne Nachfrage sofort das dortige Tor geöffnet. Kurz darauf legt der Film dann mal wieder eine Schippe drauf. Es ist nun schon arg übertrieben, dass ein Model schnell aus dem Aufzug flüchtet, nur um der großen Miranda ja nicht im Wege zu sein – und diese sich dafür bei Miranda sogar noch entschuldigt. Und während Andy ein paar Minuten zuvor aus dem Aufzug mit einem kindlichen Lächeln ausgestiegen ist, verläßt Miranda ihrerseits den Fahrstuhl mit einem arroganten und kühlen Blick. Figurenzeichnung durch Kontrast par excellence. All dies wir dann auch noch mit den Aufnahmen aufgescheuchter Mitarbeiter, die sich schnell noch für ihre Chefin rausputzen, gegengeschnitten – und schon ist eine Figur ohne ein einziges Wort aus deren Munde etabliert.

Interessant ist aber auch noch der Einsatz eines weiteren beliebten Mittels zur Einführung von Figuren: Tempowechsel. Mit der Nachricht von Mirandas verfrühter Ankunft tritt der Film aufs Gaspedal (schnelle Schnitte, flotte Musik, viel Bewegung im Bild) und davon geht er erst einmal auch nicht runter. Dieses Tempo überträgt sich auf Miranda und verpasst ihr automatisch das Attribut Powerfrau. Geschickt hält der Film dieses Tempo hoch und läßt Miranda bei ihrer Ankunft nicht etwa erschöpft in den Sessel fallen. Nein, diese Lady faltet erst einmal, natürlich ohne diese zu begrüßen, ihre eigene Assistentin zusammen und bombardiert diese im Laufschritt mit Anweisungen.

Nicht eines Blickes würdigend – Miranda und ihre „unfähige“ Assistentin
(Foto: ©Twentieth Century Fox)

Angst vor dem Drachen
Ein sehr schönes Detail gibt es bei diesem Gespräch übrigens im Hintergrund zu entdecken. Genauer gesagt gleich 6 Stück davon. Bis Miranda im Büro angekommen ist, sehen wir nämlich 6(!) weitere Mitarbeiter, die aus Angst entweder umdrehen oder schnell noch mal extra Gas geben, um ja den Kontakt mit Miranda zu vermeiden. Als ob ein oder zwei hier nicht gereicht hätten. Satire eben. Die Charakterzeichnung als „abgehobener Drache“ geht dann in die nächste Runde, als Miranda in ihrem Quasi-Monolog gegenüber Emily exquisite Essenswünsche äußert, Models herunterputzt und Emily als komplett inkompetent bezeichnet.

Und als ob das nicht reicht wird diese Etablierung als kühle Figur ohne Herz noch dadurch auf die Spitze getrieben, dass Miranda im gleichen Atemzug Termine mit ihrem Ex-Mann und ihrem aktuellen Mann in Auftrag gibt – als ob es sich bei diesen auch nur um ein paar unter Vertrag stehende Models aus Lateinamerika handelt. Es ist faszinierend, wie hier immer wieder noch einmal eine Schippe obendrauf gelegt wird und die Figur noch extremer gezeichnet wird. Immerhin fällt aber kurz das Stichwort Elternabend – ein subtiler Hinweis auf Mirandas Rolle als Mutter, die später vom Film dadurch genutzt wird, um der Figur ein paar wichtige Sympathiepunkte zu verschaffen. Davon ist jetzt aber erst einmal nichts zu spüren.

Interessant ist dabei auch, wie der Film Miranda in dieser Szene alleine durch die Art ihrer Dialogführung charakterisiert. Es gibt nämlich keine. Miranda hält eigentlich einen Monolog und registriert Emilys spärliche Antworten nicht einmal. Am schönsten wird das in dem Moment deutlich, als Miranda eine Frage bezüglich ihrer eigenen hohen Ansprüche einwirft. „Am I reaching for the stars here?“ Die Antwort darauf gibt sie natürlich gleich selbst: „Not really“. Die arme Emily wird dagegen ignoriert und dient nur als Handtaschenablage und Türöffnerin. Wie gesagt, dieser erste Auftritt ist vollgepackt mit überdeutlichen Hinweisen auf Mirandas Charakter, ihren Status und ihren Ruf. Aber besteht mit dieser krassen Überzeichnung nicht die Gefahr, dass man als Zuschauer diese Figur irgendwann so abgehoben findet, dass man sie gar nicht mehr als echten Menschen wahrnimmt?

Liebe für den Teufel
Und genau hier zeigt „Der Teufel trägt Prada“ Stärke. Er ist sich dieser Gefahr nämlich bewusst und nutzt das nun folgende Gespräch zwischen Miranda und Andy ganz geschickt dafür, der Antagonistin noch etwas dringend benötigte Menschlichkeit einzuflößen. Es folgt sozusagen jetzt das Softening.

Zeit für die Bewerberin – Auch eine Powerfrau macht mal langsam
(Foto: ©Twentieth Century Fox)

Ab dem Moment wo Miranda Andy entdeckt und zu sich ins Büro einlädt wechselt die Stimmung des Filmes. Vor allem aber auch das Tempo. Ganz geschickt geht der Film jetzt vom Gaspedal runter (alles ist nun sehr statisch) und gibt so nicht nur dem Zuschauer, sondern auch Miranda Luft zu atmen. Komplett ist die knallharte Powerfrau in ihr natürlich nicht verschwunden, aber durch diesen Tempowechsel kehrt die nötige Ruhe ein und die Szene fühlt sich nun deutlich persönlicher und intimer an. Beste Vorraussetzungen um Miranda eine Dosis Sympathie zu verpassen.

Natürlich zeigt Miranda in dem Gespräch immer wieder deutlich ihren Charakter als knallharte Chefin – eine komplette Kehrtwende davon wäre ja auch unglaubwürdig. Aber mit einer kleinen Eigenschaft schafft es der Film hier schon Sympathie für sie zu wecken: Neugier. Miranda wird neugierig auf Andy und der Grund dafür ist die Tatsache, dass sie hier eine eigentlich komplett deplatziert scheinende Kandidatin vor sich hat. Andy fällt aus der Reihe und ist nicht die Norm – und das lässt Miranda aufhorchen. Passt als Eigenschaft natürlich perfekt zu einer Frau, die auch sonst ein Faible für das Neue und das Überraschende hat. Man achte einmal in dem Dialog der beiden Frauen darauf, wie Miranda immer dann kühl wird, wenn Andy in Standardmuster (Bewerbungstexte) verfällt und Miranda erst dann wieder Interesse bekommt, wenn Andy etwas ungewöhnliches sagt oder tut.

Kleine Nuancen, große Wirkung
Miranda zeigt also ein Faible für den Underdog – da gewinnt man als Zuschauer auf einmal Respekt vor dem alten Drachen. Man ist überrascht und baut auf einmal eine Verbindung zu einer Figur auf, die man kurz vorher noch an die Wand klatschen wollte. Das ist einfach wirklich gute Charakterzeichnung, gepaart mit einer wundervollen Darstellerleistung (man achte mal auf die vielen unterschiedlichen kleinen Reaktionen und Gesten von Miranda in diesem Einstellungsgespräch). Et voilà – mit ein paar kleinen Nuancen ist die Gefahr einer ins Unkenntliche überzeichneten Figur gebannt.

Die ungewöhnliche Kandidatin macht neugierig
(Foto: ©Twentieth Century Fox)

„Der Teufel trägt Prada“ mag zwar kein ganz großes Kino sein, aber in Punkto Charaktereinführung kann man hier eine Menge lernen. Gerade eben weil im Genre der Satire gerne das komplette „Waffenarsenal“ aufgefahren wird und man die Auftritte der Figuren teilweise richtig extravagant zelebriert. Vor allem aber ist der Film auch ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig es ist ein emotionales Band zwischen Zuschauer und Figuren zu spannen – und wenn es beim Antagonisten auch nur ein paar kleine Nuancen sind.

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