Film

William “D-Fens“ Foster – Falling Down

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Muss sich dann ja aber nicht gleich eine Panzerabwehrwaffe besorgen. Sollte die Idee, mit dieser Laune auf eine Geburtstagsfeier zu gehen, nochmal überdenken: William “D-Fens“ Foster.

Falling Down (1993) – Die Story

Drehbuch: Ebbe Roe Smith
Stau nervt. Eine kaputte Klimaanlage ebenfalls. Das man vor kurzem gekündigt wurde und einen die Frau verlassen hat macht es sicher auch nicht besser. Und so entscheidet William “D-Fens“ (Michael Douglas) Foster, auf dem Weg zum Geburtstag seiner Tochter, einfach mal durchzudrehen. Also so richtig. So ein Irrer hat dem Cop Martin Prendergast an seinem letzten Arbeitstag gerade noch gefehlt. Aber Pflicht ist Pflicht und so heftet sich Prendergast an die Fersen von William, der derweil eine Spur der Verwüstung in Los Angeles hinterläßt…

 

Die Einführung von William “D-Fens“ Foster

Es ist ein heißer Tag in Los Angeles. Und mal wieder Stau. Genervt sitzt William “D-Fens“ Foster in seinem Auto und schwitzt. Die Klimaanlage funktioniert nicht, der Lärm macht ihn irre und die Kinder aus dem benachbarten Schulbus nerven. Genauso wie eine penetrante Fliege. Schließlich wird ihm alles zu viel. William öffnet die Tür, packt seinen Aktenkoffer, läßt sein Auto einfach stehen und geht davon.

Die Analyse

Oft versucht man bei der Figureneinführung ja gleich ein paar klassische Hintergrundinfos, wie den Berufs- oder Familienstatus des Protagonisten, mit einzuflechten. Natürlich, wie der Charakter tickt wird auch oft schon angedeutet. Aber wirklich tief ins Innere der Figur steigt man oft erst später ein. Soll der Zuschauer doch erst mal etwas mehr Zeit mit dem Protagonisten verbringen. „Falling Down“ sieht das aber etwas anders. Hintergrundinfos zum Protagonisten sind in William Fosters erster Szene spärlich gesät. Dafür erlebt man aber eine verdammt intensive Reise in dessen emotionalen Gemütszustand. Und bekommt auch noch eine kleine Gratis-Lektion in gutem Spannungsaufbau erteilt und wie man den Zuschauer emotional an eine Figur kettet.

Nähe ist hier das Zauberwort. Und der Film beginnt mal so richtig nah auf unserer Hauptfigur. Die Kamera startet auf dem Mund von William, zieht dann etwas auf und umkreist dessen Gesicht. Schweißperlen, angespanntes Atmen und ein leerer Blick – so wird gleich einmal gekonnt ein Gefühl der Beklemmung vermittelt. Den Grund dafür erfahren wir erst, als die Kamera langsam uns die Umgebung preisgibt. William sitzt in seinem Auto an einem heißen Sommertag mitten im Stau. Und Stück für Stück wird nun diese Umgebung sozusagen als Antagonist zu William aufgebaut. Die Hitze, die Abgase, lärmende Kinder im benachbarten Schulbus, laut telefonierende Männer in einem Cabrio und ein William ausdruckslos anstarrendes Mädchen. Nicht gerade das Umfeld, das William sich gerade wünscht.

Eine Autofahrt, die ist lustig. Also nur, wenn es auch wirklich voran geht. Tief durchatmen, William (Foto: ©Warner Home Video).

Das Leiden der Hauptfigur
Was nun folgt ist ein wundervolles Anziehen der Intensität und Spannungsschraube. William wird dabei sozusagen in einen Topf gepackt und es wird Stück für Stück die Temperatur erhöht. Da hupt der Hintermann, da fängt das Verkehrsschild an nervig zu blinken, und sowohl die Klimaanlage als auch die Fensterkurbel versagen ihre Dienste. Und jedes Mal merkt man, wie William sich mehr zusammenreißen muss, um nicht vor Wut zu platzen. Das schönste Bild für die ansteigende Explosionsgefahr der Figur ist aber eine penetrante Fliege, die immer wieder den armen William piesackt. Bis dieser schließlich die Kontrolle verliert und mit einer Zeitung wie wild um sich schlägt.

Es ist aber nicht nur interessant zu sehen was hier passiert. Sondern auch wie es passiert. Das der Zuschauer hier emotional so gut in Williams Gemütszustand eintaucht liegt auch an der Inszenierung. Nur selten sehen wir weite Shots, stattdessen sind wir immer mit der Kamera nah dran. Und je länger der arme William leidet, um so mehr Nahaufnahmen bekommen wir serviert. Was dann automatisch bei uns als Zuschauer dessen Beklemmungsgefühl noch weiter verstärkt. Die Schnittfolge zieht ebenso an. Genau wie die Musik. Ein wundervolles Zusammenspiel verschiedenster Techniken, die alle nur ein Ziel verfolgen: den emotionalen Zustand der Hauptfigur für den Zuschauer spürbar zu machen.

Da muss jemand an die frische Luft. William hält die Enge im Auto nicht mehr aus (Foto: ©Warner Home Video).

Vereint im Geiste
Schließlich bringt man das Ganze zur Explosion. Die Kamera rast auf einmal auf unsere Figur zu, die innerlich völlig erschöpft ist. Nett hier auch das kleine Detail, bei dem die Kamera kurz den Schriftzug „Freedom“ auf einem benachbarten Nummernschild einfängt. Genau das braucht unsere Hauptfigur nämlich am dringendsten. Und so reißt William schließlich die Beifahrertür auf, um endlich mal durchschnaufen zu können. Ein Moment, auf dem die ganze vorherige Einführung mit allen Mitteln der Filmkunst hingearbeitet hat. Genau wie William freut sich auch der Zuschauer, dass er nun mal kurz durchatmen kann. Die vielen hektischen Bilder konnte ja keiner aushalten. Und das ist natürlich eine wundervoller Weg, um den Betrachter eng an den Protagonisten zu binden. Vereint im Geiste.

Das der Junge aber mehr als einfach nur frische Luft braucht, wird dann im Anschluß deutlich. Dabei bemerkt man das nicht nur an der Tatsache, dass William sein Auto einfach so zurücklässt. Es ist auch wieder das „Wie“, dass hier den emotionalen Zustand unserer Figur so gut widerspiegelt. Wie benommen läuft William erst einmal orientierungslos in die eine und dann in die andere Richtung. Und auf die Frage eines anderen Fahrers, wo er denn hin will, entgegnet er nur mit: „Going Home“. Zuhause: der einzige Halt, der ihm noch bleibt.

Ich bin dann mal weg. William macht sich aus dem Stau (Foto: ©Warner Home Video).

Achterbahnfahrt der Gefühle
So wirkt William am Ende wie eine Art traumatisiertes Kind, dass dringend einen Ort der Sicherheit braucht. Und man ahnt schon, dass er diesen wohl nicht so schnell finden wird. Das spannende an dieser Einführung ist aber vor allem, dass wir eigentlich so gut wie nichts über die „hard facts“ der Figur erfahren haben. Anzug, Aktenkoffer und altes Auto – William scheint einem nicht wirklich gut bezahlten Job nachzugehen. Das war es dann aber schon an Basics.

Aber mehr braucht es ja auch nicht. Denn was wir gerade erlebt haben, war etwas viel wertvolleres. Eine innere emotionale Achterbahnfahrt der Hauptfigur – und wir als Zuschauer saßen in der ersten Reihe. Es kommt nicht so oft vor, dass man sich bereits nach nur wenigen Minuten so gut in den emotionalen Zustand einer Figur hineinversetzen kann. Viel intensiver geht nicht und so gelingt „Falling Down“, dank jeder Menge handwerklichem Geschick, eine wirklich bemerkenswerte Figureneinführung.

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