Abgeschweift

Endgame of Thrones

Die große Schlacht ist vorüber. King’s Landing liegt in Schutt und Asche. Der gute Ruf von „Game of Thrones“ gefühlt ebenfalls. Bitte jetzt alle einmal tief durchatmen.

Eigentlich hatte ich ja ebenfalls mit dem Gedanken gespielt. Schreib doch auch eine kleine Abschlusskritik. Drüben für Filmszene. Aber die Lust ist mir in den letzten beiden Wochen irgendwie vergangen. Zu viele Geier um den Leichnam. Noch einmal in die exakt gleiche Kerbe reinhauen ist ja auch irgendwie sinnlos, wenn der Baum schon gefällt ist. Ja, in Sachen Storytelling war die letzte Staffel von „GOT“ wirklich kein Glanzpunkt. Wobei es aber schon ab der fünften Staffel deutliche Anzeichen dafür gab, dass die Serie ihre beste Zeit hinter sich hatte. Ist aber alles schon darüber gesagt worden. Nur ein Punkt ist dann aber doch so interessant, dass man da zumindest noch ein paar Worte darüber verlieren kann. Natürlich inklusive Spoiler.

 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
„Es ging alles viel zu schnell, wir hätten viel mehr Zeit für die Figurenentwicklung gebraucht!“ Diese Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch so gut wie alle Kritiken der letzten Staffel. Und diese Aussage in einer Zeit, die sich vor allem durch ihre Schnelllebigkeit auszeichnet. In der die meisten Menschen sich ständig über zu wenig Zeit beschweren. Sollten wir David Benioff und D. B. Weiss nicht doch dankbar sein? Ist doch super für uns, wenn sie soviel Content in nur eine Staffel pressen. Bleibt mehr Zeit fürs Fitnessstudio, Instagram-Stories und Wochenendtrips mit Ryanair.

Am Ende haben die Kritiker aber natürlich recht. „Game of Thrones“ kam in der achten Staffel schon sehr gehetzt daher. Hätten wir also einfach mehr Zeit gebraucht? Ist eine einfache Frage. Gibt aber keine einfache Antwort. Weil hier nämlich auch ganz stark die Erwartungshaltung des Publikums mit reinspielt. Und die Art und Weise, wie wir Informationen wahrnehmen und verarbeiten. Anhand von drei Beispielen gehe ich hier einfach mal auf eine kleine Spurensuche nach dem, was in Sachen „Zeit“ schiefgelaufen ist.

 

1. Das Ende des Nachtkönigs
Das war alles? Diese Reaktion hatten wohl viele, als Arya den Dolch in den Nachtkönig rammte. Über mehrere Staffeln hinweg wurde der Nachtkönig als die große Bedrohung für Westeros etabliert. Als nahezu unbesiegbarer Gegenspieler. Für den die Bewohner von Westeros ihre jahrelangen Feindschaften zur Seite legen müssen, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben. Mit anderen Worten: es wurde die Erwartungshaltung an eine alles entscheidende Schlacht geschürt. Der Höhepunkt der ganzen Serie.

Per Definition ist der größte Höhepunkt ja größer als all das, was davor kam. Und diese Erwartungshaltung hatte man als Zuschauer dann auch an die Serie. Die aber so leider nicht eingelöst wurde. Das fing schon damit an, dass man große Opfer erwartet hatte. Aber in der Schlacht nur ein paar eher unwichtige Randfiguren starben. Eine epische Abschlussschlacht verbindet man aber auch noch mit etwas Anderem: einer langen Dauer. Insbesondere auch im Angesicht der Tatsache, dass die Armee der Untoten nun schon seit Jahren auf dem langen Weg hin zu dieser Schlacht war. Bedeutend weniger gehypte Schlachten hatten ja bereits schon eine komplette Folge mal in Beschlag genommen. Diese Schlacht würde für unsere Helden deutlich schwieriger werden. Ohne einfache Lösungen. Ganz automatisch wird so beim Zuschauer das Verlangen nach etwas Besonderem geschürt. Eben auch in Sachen Zeit. Man erwartete also ein zähes und langes Ringen. Gab es aber nicht.

Das war aber nicht der einzige Haken an der Sache. Nach einem Höhepunkt geht es per Definition ja auch wieder bergab. Und wenn es der große Höhepunkt/Endkampf der Geschichte sein soll, dann kommt danach auch nicht viel mehr. Weswegen solche Höhepunkte auch ganz an den Schluß von Filmen oder Serien gepackt werden. Mit noch ner Schippe Epilog obendrauf zum runterkommen. In „Game of Thrones“ bekamen wir aber den großen Kampf schon in der dritten Folge serviert. Also in der Mitte der Staffel. Das fühlte sich seltsam an. Und irgendwie verdammt unbefriedigend. Durch das falsche Timing und die geringe Länge wurde also der Eindruck verstärkt, dass wir hier am Ende weniger bekommen haben, als uns eigentlich versprochen wurde. Schlechter Deal.

 

2. Daenerys goes wild
Auch ganz vorne dabei in Sachen Unverständnis: die Wandlung von Daenerys Targaryen hin zum blutrünstigen Monster, das Frauen und Kinder grillt. Viel zu schnell kam diese Wandlung. Sagen die Kritiker. Zugegeben, es flackerte immer wieder einmal auf, dass diese Figur auch dunklere Seiten hatte. Der Schritt hin zum Massenmord war dann aber doch schon ein sehr großer. Vielleicht hätte Daenerys vorher einmal den ein oder anderen netten Jungen mehr grillen müssen, damit ihre Wandlung in der fünften Folge glaubwürdiger erschienen wäre. Hätte diese Wandlung dann allerdings auch weniger überraschend gemacht. Und genau da kommen wir zu einem interessanten Punkt.

George R.R. Martin hat ausgesagt, dass „Game of Thrones“ drei große Überraschungsmomente besitzen würde. Die rote Hochzeit, die Offenbarung von Hodors Namen und, wie sich jetzt rausstellte, der Feuersturm unserer Drachenkönigin. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen drei Momenten? Sowohl die rote Hochzeit als auch die Offenbarung von Hodors Namen waren Überraschungen, die nicht mit einer Entscheidung einer Hauptfigur verknüpft waren. Der arme Rob hatte nun wirklich keinen Einfluss darauf, was ihm da passiert. Und über Hodor bekommen wir einfach nur ein faszinierendes Stück Hintergrundgeschichte geliefert. Mit Daenerys sieht das aber anders aus. Hier besteht die Überraschung darin, dass eine Figur, mit der wir sehr eng vertraut sind, eine ungewöhnliche Entscheidung trifft.

Und hier liegt dann das Dilemma. Solche intrinsischen Entscheidungen als Überraschung nutzen zu wollen ist verdammt gefährlich. Gerade bei Figuren, mit denen der Zuschauer eng vertraut ist. Wenn der uns eher unbekannte Walder Frey sich entscheidet, ein großes Blutbad anzurichten, dann ist das schockierend. Und von der Story und in seiner Konsequenz überraschend. Aber da die Figur uns nicht vertraut ist, muss seine Entscheidung und das ganze Komplott hintendran nicht groß inhaltlich legitimiert werden. Bei Daenerys sieht das anders aus. Und um jetzt die Kurve zur Zeit zu bekommen: wenn ich vertraute Figuren in eine andere Richtung lenken möchte, dann muss ich mir die Zeit dafür nehmen. Das geht natürlich auf Kosten des Überraschungseffektes. Aber einen Tod muss man sterben, wenn man das Publikum nicht vergraulen möchte. Denn es gibt nichts fataleres, als wenn man die Handlung von Identifikationsfiguren als Zuschauer nicht mehr nachvollziehen kann. Das schmeißt einen richtig schnell aus der Geschichte. Und mancher der Zuschauer landet dann mit Schnappatmung auf Twitter.

 

3. Stich ins Herz
Ja, das ist so eine Sache mit der großen Liebe. Das Jon Snow seine geliebte Daenerys meuchelt ist tragisch, im Kontext der Story aber durchaus nachvollziehbar. Problematisch sind in Sachen Storytelling aber zwei andere Punkte. Da wäre einmal der Zeitpunkt. Diese dramatische Szene erfolgt nach etwa einem Drittel der Folge. Also gefühlt mittendrin. Womit es wieder Parallelen zum Ende des Nachtkönigs gibt. Das Ende einer bedeutenden Figur in den ersten Teil einer Folge zu packen ist für das emotionale Momentum schon sehr ungünstig (Grüße hier auch an Hank von „Breaking Bad“). Dadurch, dass die Handlung der Folge gefühlt jetzt erst so richtig losgeht fehlt einem nämlich etwas ganz Entscheidendes: die Zeit alles zu verarbeiten und zu trauern.

Solche großen Momente brauchen Zeit, um vom Publikum angenommen zu werden. Ist ja auch im echten Leben nicht anders. Wenn da eine vertraute Person stirbt, muss man ja auch erst einmal den Kopf freibekommen. Und dafür braucht man Zeit. Und die gibt uns die Folge nicht. Solch eine Szene ist viel effektiver, wenn sie an den Schluß der Folge gepackt wird. Und man nicht gleich mit weiterem neuen Input gefüttert wird. Denn der Kopf ist ja eigentlich noch busy. Man hat also gleich zwei Probleme. Man untergräbt hier die emotionale Wirkung von Daenerys Tod beim Zuschauer und gleichzeitig wird die restliche Folge nur noch mit einem Gefühl der Benommenheit wahrgenommen.

Es wird dann auch nicht dadurch besser, dass die Folge noch einen Fehler macht. Direkt nach dem Mord folgt nämlich ein Zeitsprung. Wir sind auf einmal mehrere Monate in der Zukunft und sehen einen auf sein Urteil wartenden Jon Snow. Mal abgesehen von den vielen Fragen, die unbeantwortet bleiben (wie reagiert Greyworm, warum ist Jon überhaupt noch am Leben etc.). Durch diesen Zeitsprung wird vor allem auch die emotionale Verbindung zwischen dem Zuschauer und den Figuren gekappt. Jon und alle anderen sind schon wieder relativ gefasst in der nächsten Szene, sind ja auch ein paar Monate vergangen. Das Problem, für uns Zuschauer war es nur ein Fingerschnippen. Das macht es unglaublich schwierig sich in diese Figuren emotional hineinzuversetzen.

Hätte man den Mord an Daenerys an das Ende der Folge gepackt und wäre dann eine Woche später mit diesem Zeitsprung gestartet, dann wäre das emotional nachvollziehbarer gewesen. Man hätte ja so als Zuschauer dann auch eine Woche trauern und das alles verarbeiten können. Diese Chance raubt einem aber die Serie. Gerade weil diese letzte Staffel ja bei ihrem Erscheinen keine wirkliche Option für „Binge watching“ gewesen ist, hätte man den Punkt der zeitversetzten Ausstrahlungen ja wundervoll dafür einsetzen können, um den Zuschauer emotional richtig mitzunehmen. Wir sind keine gefühlskalten Roboter. Wir brauchen Zeit, um große Emotionen zu verarbeiten und das muss ich als Drehbuchautor stets berücksichtigen. Und kann das beim Serienformat ja auch gezielt nutzen, um zwischen den Folgen das Band zwischen Zuschauer und Figuren zu stärken. Eine Chance, die „Game of Thrones“ leider ungenutzt läßt.

Zeit heilt alle Wunden
Es ist also keine einfache Sache, das mit der Zeit und den Erwartungen des Publikums. Leider hat „Game of Thrones“ in der letzten Staffel hier in einigen Punkten mehr als unglückliche Entscheidungen getroffen. Die überhastete Liebesgeschichte zwischen Jamie und Brienne sei hier, nur als ein weiteres Beispiel, auch noch erwähnt. Es ist ein bisschen schade, dass ausgerechnet die größte Stärke der Serie nachher zu einer ihrer größten Schwächen wurde. Lange Zeit war „Game of Thrones“ ja Meister darin, virtuos mit der Erwartungshaltung der Zuschauer zu spielen. Welche anspruchsvolle Aufgabe das ist, und wie leicht man daran auch scheitern kann, hat man nun in der letzten Staffel gesehen. Aber wenn der Staub sich gelegt hat, dann sollte man sich auch vor Augen halten, dass man von dieser Serie auch lange Zeit wirklich verwöhnt wurde. Und dafür kann man, bei aller Kritik, auch zum Abschluss einfach nochmal „Danke“ sagen.

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