Abgeschweift

Endgame – Avengers

Eigentlich geht es hier ja immer um die Einführung von Figuren. Aber irgendwann muss man sie ja auch mal wieder verabschieden. Hauen zum Abschied ganz laut „Servus“ – die Avengers.

Diesen Frühling verlassen uns ja gleich eine ganze Menge ikonischer Helden der Neuzeit. Erst die Avengers, dann die Westeros-Crew – da geht ein großer Haufen Popkultur flöten. Deswegen jetzt hier ein paar kleine Gedanken zu deren Abgängen. Ist allerdings ein bisschen schwierig ohne Spoiler. Genauer gesagt unmöglich. Also, Vorsicht beim Weiterlesen. Los geht es mit der Marvel-Gang.

Avengers: Teamplay Deluxe
Gleich mal vorneweg: Ich bin kein großer Comic-Fan. Und ja, die Flut an Comic-Verfilmungen geht auch mir auf die Nerven. Aber ein guter Film ist nun mal ein guter Film. Und mit dem ersten Avengers-Streifen im Jahre 2012 hat Regisseur Joss Whedon einen wirklich sehr guten Blockbuster hingelegt. Vor allem weil er kapiert hatte, wie man überzeugendes Teamplay in einen Ensemble-Film packt. Gut, mit dem Nachfolger „Avengers: Age of Ultron“ ließ die Kameradschaft spürbar nach. Einen schwachen Bösewicht gab es noch obendrauf und fertig war die Enttäuschung. Aber mit „Avengers: Infinity War“ trat dann nicht nur wieder ein erfrischend komplexer Bösewicht ins Rampenlicht. Nein, auch die wundervolle Chemie innerhalb unserer Heldentruppe kam zurück. Und dann folgte auch noch ein verdammt kompromissloses Ende. So habe ich mein Blockbusterkino gern.

Aber wie ich schon damals in meinem Jahresrückblick von 2018 geschrieben habe: „Avengers: Endgame“ dürfte wohl einiges davon wieder revidieren. Tut es dann auch. Wir sprechen ja hier immer noch von Mainstream-Kino. Am Ende geht dem Film zwar die Kompromisslosigkeit des Vorgängers ab, er funktioniert aber trotzdem noch als durchaus würdiger Abschied für einige unserer Helden. Auch wenn es sicher noch emotionaler gewesen wäre, wenn man ein paar der neueren Helden ganz außen vorgelassen hätte (ja, ich meine dich, arrogant wirkender Captain Marvel)! Aber das soll jetzt hier keine Filmkritik werden (dafür bitte zu meinem Kollegen bei filmszene gehen, ich sehe das ähnlich wie er). Stattdessen ein paar kurze Gedanken dazu, wie denn hier mit den zentralen Figuren auf ihrer Abschiedstournee umgegangen wird.

 

Iron Man als zentraler Anker
Keine leichte Aufgabe, mal eben eine liebgewonnene Heldentruppe in den Ruhestand zu schicken. Klingt nach einer komplexen Sache. Wurde aber zumindest dadurch etwas einfacher, dass die Macher im Vorgänger einige der neueren Helden ins Nirvana geschickt hatten. Natürlich war klar, dass die alle wieder zurückkehren würden. Aber so hatte man nun deutlich mehr Zeit, um sich in Endgame erst einmal stärker auf die „alte Garde“ zu konzentrieren. Und sich für deren Abschied viel Zeit zu nehmen. Im Gegensatz zu anderen Blockbustern wird die exorbitante Laufzeit des Filmes (181 Minuten) nämlich in „Avengers: Endgame“ nicht einfach nur für Effektgewitter verballert. Sondern auch für relativ viele Charaktermomente. Eine sehr schöne Entscheidung.

Aber wie gelingt jetzt ein würdiger Abschied? Hier entscheiden sich die Macher für die wohl offensichtlichste Antwort. Sie nehmen die populärste Figur des Marvel-Filmuniversums und nutzen diese als zentralen emotionalen Anker für den Film. Und als Sinnbild dafür, dass hier etwas zu Ende geht. Ja, Iron Man war schon in den Vorgängerfilmen immer gefühlt der dominanteste Akteur. Und eben auch der beliebteste Held. Klar ist auch: Helden treten nicht einfach ab. Der überzeugendste Abschied ist noch immer der Opfertod. Logischerweise am Besten gleich für das ganze Wohl der Menschheit. Iron Man sterben zu lassen war eigentlich die einzige Möglichkeit, um wirklich ein rundes Ende hinzulegen. Nicht nur, weil sich so der Kreis schließt. Sondern auch, weil es zu billig gewirkt hätte, wenn nach dem kompromisslosen Ende des Vorgängers nun einfach alles wieder auf Anfang gestellt worden wäre.

 

Avengers versammelt euch
Wenn man genau hinschaut, dann entdeckt man auch schon während des Filmes die ersten Anzeichen dafür, in welche Richtung sich hier der Wind dreht. Zuerst weigert sich Iron Man den restlichen Avengers zu helfen. Und darf sich von Captain America anhören, dass er ja nie selbstlos agiert und was uneigennütziges für die Menschheit tut. Die perfekte Vorlage für einen Sinneswandel inklusive anschließendem Opfer. Erst weigern, dann kämpfen und schließlich sich selbst zurückstellen, um sich für das große Ganze hinzugeben – das ist die klassische Heldengeschichte par excellence.

Und der Film geht sogar noch einen Schritt weiter. In dem sich nachher alle Helden auf der Beerdigung von Tony Stark treffen, wird dessen Schlüsselrolle noch weiter überhöht. Und anschließende dürfen alle auch noch einer letzten großen Abschlussbotschaft unseres Berufs-Zynikers lauschen. Womit nicht nur die Helden, sondern vor allem auch die Kinobesucher die Gelegenheit bekommen, sich von der Figur zu verabschieden. Und um noch einmal in alten Erinnerungen zu schwelgen. Mag am Ende vielleicht etwas zu melodramatisch ausfallen, garantiert aber natürlich maximale Emotionen. Und einen würdigen Abgang.

 

Oh Captain, mein Captain
Die Macher haben sich also für einen zentralen Anker entschieden: Iron Man als Paradebild für die alte Garde. Allerdings wäre nur der Abschied von Iron Man dann ja zu wenig für eine Fackelübergabe. Und so nimmt man auch noch den zweitbeliebtesten alten Recken aus dem Spiel. Allerdings auf eine ganz andere Art und Weise. Auch noch Captain America sterben zu lassen wollte man dem Mainstream-Publikum dann doch nicht antun. Und so entscheidet man sich für eine Art bittersüßes Ende. Dem Tod von Iron Man steht das Happy End von Captain America gegenüber. Da Helden ja wie gesagt nie abtreten nutzt man für dessen „Ende“ geschickt die Mechanik der Zeitreise. Der gute Junge darf zu seiner großen Liebe in die Vergangenheit reisen, um dann als glücklicher alter Mann in der Gegenwart aufzutauchen. Somit ist er für zukünftige Abenteuer aus dem Spiel genommen, musste aber dafür nicht den Heldentod sterben.

Nun ist ein gealterter Superheld ein durchaus ungewöhnliches Phänomen. Und manchem Comic-Fan mögen angesichts dieser Entscheidung vielleicht die Haare zu Berge stehen. Aber es ist eine durchaus clevere Idee, um die Figur mit einer positiven Note zu verabschieden. Interessant ist dabei auch, dass der Film nicht etwa mit der Ansprache von Iron Man endet. Sondern mit unserem guten alten Captain America, der in der Vergangenheit glücklich mit seiner alten Liebe tanzt. Es ist ein positives Bild, mit dem man hier den Zuschauer nach Hause schickt. Die Entscheidung Iron Man sich opfern zu lassen und Captain America ein Happy End zu geben steht dabei auch gewissermaßen für eine positive Botschaft. Der Zyniker hat sich geopfert, der stets moralisch pure Held bekommt sein verdientes Happy End.

 

Opfer am Wegesrand
Iron Man und Captain America bekommen also einen würdigen Abschied. Etwas unter gehen dabei aber andere Figuren. In gewisser Hinsicht schließt auch der gute Hulk einen kleinen Storybogen aus den vorangegangenen Filmen ab. Hatte er bisher immer mit dem Monster in sich gerungen, schließt er nun seinen inneren Frieden mit dem grünen Muskelprotz. Womit er für weitere Abenteuer zwar nicht aus dem Spiel ist, im Prinzip sich aber auch in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden kann. Ohne das irgendjemand protestiert. Kollege Thor „muss“ dagegen offensichtlich weitermachen und wird mit den Guardians of the Galaxy auf Reise geschickt.

Die Figur des Thor ist allerdings in dem Film ein etwas zweischneidiges Schwert. Im Wesentlichen wird er als Witzfigur missbraucht, um den düsteren Ton des Grundszenarios aufzulockern. Für Fans der Figur kann das durchaus als Hochverrat an ihrem Lieblingshelden verstanden werden. Für den neutralen Beobachter hat das allerdings eben einige humorvolle Vorteile. So ist das eben im Kino, manchmal passt man die Figuren auch an die Bedürfnisse der Story an und nicht umgekehrt. Das gleiche Schicksal ereilt auch Thanos. Leider, muss man hier sagen. Denn von dessen Komplexität ist in „Endgame“ am Ende nichts mehr zu spüren. Am Schluss ist Thanos auf reine Zerstörung aus – was natürlich den Einsatz unserer Helden und das Opfer von Iron Man noch einmal auf ein neues Level hebt. Denn so gibt es für den Zuschauer eine noch klarere Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Verständlich, warum die Macher diesen Weg gehen. Aber irgendwie trotzdem ärgerlich.

Das Ende einer Ära
Was bleibt? Ein Film, der seine emotionale Kraft vor allem auf das Schicksal von zwei Figuren stützt: Iron Man und Captain America. Mit einem klaren Fokus auf unseren reichen Rüstungsmagnaten, dessen Tod am Ende aber durch das Happy End von Captain America wieder etwas abgefedert wird. Und auch wenn darunter das Umfeld etwas leidet funktioniert diese Vorgehensweise dann doch ganz ordentlich und wir bekommen so einen würdigen Abschied der alten Truppe serviert. Ob das den Kollegen aus Westeros auch gelingt, diskutiere ich hier dann in ein paar Wochen…

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