Film

Jeff „The Dude“ Lebowski – The Big Lebowski

Kiffen, saufen, bowlen – so läßt es sich doch leben. Zumindest solange keiner ungefragt auf den eigenen Lieblingsteppich uriniert. Fordert Gerechtigkeit, oder zumindest einen neuen Teppich: der „Dude“.

The Big Lebowski (1998) – Die Story

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
Ein paar Runden Bowling mit Freunden, ein Haufen White Russians und jede Menge Joints – das ist der Alltag des erfolglosen Jeff „The Dude“ Lebowski (Jeff Bridges). Diese „angenehme“ Routine wird aber jäh unterbrochen, als zwei Schlägertypen unseren „Dude“ mit einem Millionär verwechseln und ihn in seinem Haus überfallen. Zusammen mit seinen genauso verplanten Bowling-Freunden stolpert der „Dude“ daraufhin in ein abstruses Abenteuer, für das man eigentlich besser einen kühlen Kopf bräuchte.

 

Die Einführung von „The Dude“

Die Kamera gleitet durch eine Wüstenlandschaft, in welcher der Wind einen Steppenläufer (eine Art Strohballen) vor sich her treibt und über eine Anhöhe hinunter nach Los Angeles weht. Währenddessen kündigt ein Erzähler an, uns nun etwas über die Hauptfigur der folgenden Geschichte erzählen zu wollen. Einen Kerl namens Jeff Lebowski, der sich aber nur „The Dude“ nennt. Ein Name, für den unser Erzähler nicht viel übrig hat. Wie überhaupt viele Sachen an dem „Dude“ für ihn keinen Sinn ergeben, so erzählt er uns. Der Steppenläufer bahnt sich derweil den Weg durch die Straßen von Los Angeles bis hin zum Strand, wo unser Erzähler uns nun den Beginn einer unglaublichen Geschichte verspricht.

Während uns der Fremde nun etwas über das Setting der Geschichte (Anfang der 90er Jahre) erzählt, sehen wir unseren „Dude“ mit Bademantel und Sonnenbrille zum Kühlregal eines Supermarktes schlendern. Während Lebowski interessiert ein paar Milchpackungen inspiziert, bezeichnet die Stimme aus dem Off unseren „Dude“ als wohl faulsten Menschen der Stadt, der aber genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit lebt. Als unser „Dude“ dann der Kassiererin einen Scheck für 67 Cent ausstellt klinkt sich unser Erzähler aus – er habe den „Dude“ nun wirklich schon ausführlich genug vorgestellt.

Mit der Einkaufstüte kommt der „Dude“ nun nach Hause, wo aber schon zwei Schlägertypen auf ihn warten. Die tauchen seinen Kopf erstmal in eine Kloschüssel, pinkeln auf seinen Teppich und fordern Geld. Sie halten den „Dude“ nämlich für einen Millionär und möchten Schulden eintreiben, die angeblich dessen Frau einem gewissen Jackie Treehorn schuldet. Als der „Dude“ auf den fehlenden Ehering und den katastrophalen Zustand der Wohnung hinweist, merken die beiden Jungs aber schnell, dass hier wohl eine Verwechselung vorliegt und ziehen fluchend von dannen.

Die Analyse

Es ist das klassische Hilfsmittel des Erzählers, mit dem wir im Fall von „The Big Lebowski“ die ersten Informationen über unsere Hauptfigur erfahren. Nun ja, so richtig konkret sind die ersten Infos nicht. So macht sich unser Erzähler erst einmal ein klein wenig über den Spitznamen „The Dude“ lustig, den sich unsere Hauptfigur für sich ausgesucht hat. Und gibt zu, dass überhaupt vieles an diesem Dude keinen Sinn für ihn ergibt. Man merkt im weiteren Verlauf immer deutlicher, dass unser Erzähler den „Dude“ nicht wirklich als Charakter greifen kann. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass man als Zuschauer dann doch neugierig wird. Das scheint ja ein komischer Junge zu sein, dieser „Dude“.

Visuell bekommen wir derweil einen schönen Hinweis auf das Leben unserer Figur serviert. Scheinbar ziellos rollte der Steppenläufer durch die Landschaft und läßt sich durch den Wind durch die Straßen von Los Angeles treiben. Ohne Ziel sorglos durch die Stadt treibend, wohin der Wind einen gerade weht – das ist auch das Leben unseres „Dude“. Und übrigens auch der Inhalt des dazu laufenden Songs „Tumbling Tumbleweeds“ aus den 1940ern. Diese Metapher gab es ähnlich übrigens schon ein paar Jahre früher im Kino zu sehen, bei „Forrest Gump“ war es in der Eröffnungssequenz allerdings kein Steppenläufer sondern eine Feder.

Ein Steppenläufer bahnt sich den Weg – ähnlich ziellos wie der „Dude“ (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Ein Fünkchen Anstand
Und dann kommt der erste Auftritt unseres Protagonisten. Stilsicher mit Bademantel, kurzer Hose, Sandalen und Sonnenbrille. In einem Supermarkt. Nachts. Dieses surreale Zusammenspiel aus Outfit, Location und Uhrzeit verrät mehr als tausend Worte. Verplanter Verlierertyp denken sich hier wohl die Meisten. Der wie ein fauler Hund wirkt. Was unser Erzähler dann noch einmal unterstreicht, als er den „Dude“ als wohl faulsten Menschen der Stadt bezeichnet. Dieser Mann ist eindeutig kein klassischer Held. Aber wie hält man dann das Interesse des Zuschauers an dieser Figur aufrecht? Und wie macht man diese Figur sympathisch?

Das gelingt über mehrere Wege. Zum einen stellt uns der Erzähler die berechtigte Frage, was denn eigentlich ein Held genau sein ist. Und bringt den Zuschauer schon einmal ein bisschen ins Grübeln. Entscheidender ist aber, dass nun auch ein paar positive Seiten an unserem „Dude“ aufgedeckt werden. Natürlich mag es etwas „asozial“ wirken, dass unser „Dude“ im Supermarkt die Milch aufreißt um daran zu riechen. Aber anschließend zahlt er eben brav an der Kasse. Mit einem Scheck für gerade einmal 67 Cent. Oder besser umschrieben: Der „Dude“ hat keine Kohle bezahlt aber trotzdem anständig seine Rechnung. Das mag wie eine kleine Randnotiz wirken, ist für das emotionale Band hin zum Zuschauer aber ein wichtiger Punkt. Wir wissen nun, dass ist eigentlich ein anständiger Junge.

Besteht diese Milch den Qualitätstest – der „Dude“ forscht nach (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Toilettengang mit Rückgrat
Fast tänzelnd macht sich der „Dude“ dann auf zu seiner Wohnung. Kein Zufall, dass hier wieder der „Tumbling Tumbleweeds“-Song einsetzt. Unser Steppenläufer wird sozusagen nach Hause getrieben. Dort aber dann erst mal überfallen. Und genau dieser Überfall etabliert den „Dude“ dann erst so richtig als Sympathieträger. Ironischerweise in einer Sequenz, in der er von seinen Peinigern in eine Kloschüssel getunkt und als Loser bezeichnet wird. Was ja angesichts der abgefuckten Wohnung ja auch eine durchaus richtige Schlussforderung ist. „The Big Lebowski“ ist hier übrigens ein schönes Beispiel dafür, welche Bedeutung eine Wohnung für die Charakterzeichnung innehat. Alleine der Zustand des Badezimmers unterstreicht noch einmal die Faulheit des „Dude“ und welche Prioritäten er in seinem Leben setzt. Eine stilvolle Außenwirkung gehört sicher nicht dazu.

Klingt ja nun eigentlich nicht unbedingt so sexy für uns als Zuschauer. Aber unser „Dude“ wächst uns trotzdem nun ans Herz, da er in dieser Sequenz gleich mehrere sympathische Eigenschaften an den Tag legt. So zeigt er keine Angst. Trotz seiner misslichen Lage macht er sich über seine Peiniger lustig und hat immer einen coolen Spruch auf den Lippen. Der Mann hat Rückgrat – und das ist immer bewundernswert. Seine Sonnenbrille fischt er unbeeindruckt einfach wieder aus der Toilette heraus. Und er wirkt auf einmal gar nicht mal mehr so dumm wie zuvor. Dank dem ganz einfachen Kniff, einfach noch trotteligere Figuren an seine Seite zu stellen.

Nicht mal in Ruhe pinkeln kann man hier – der „Dude“ ist sauer (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Sozialer Verlierer, moralischer Sieger
So muss der „Dude“ die Jungs erst darauf hinweisen, dass dies wohl kaum das Haus eines verheirateten Mannes mit viel Kohle ist. Während bei den Krawallbrüdern erst langsam der Groschen fällt. Dazu ist der „Dude“ hier eindeutig der Unschuldige. Gut und Böse sind klar verteilt, was beim Zuschauer natürlich Sympathie für den Protagonisten weckt. Vor allem aber gewinnt der „Dude“ durch sein lakonisch-selbstsicheres Auftreten auf einmal auch den Respekt des Zuschauers. Und wird vom Verlierertyp zum sympathischen Loser mit Rückgrat. Eine ganz entscheidender Aspekt bei der Charaktereinführung des „Dude“, weil nur so ich jetzt auch wirklich das Publikum mit an Bord habe. So ist „The Big Lebowski“ ein schönes Beispiel dafür, wie ich auch scheinbare Anti-Helden so elegant einführen kann, dass sie dem Zuschauer ans Herz wachsen.

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