Serie

Bernd Stromberg – Stromberg

Soziale Intelligenz wird überbewertet. Richtet in seinem Job als Ressortleiter einer Versicherung deutlich mehr Schaden an, als er selbst regulieren kann: Bernd Stromberg.

Stromberg (2004-2012) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Ralf Husmann
Abteilung Schadensregulierung M-Z der Capitol Versicherungs AG – hier sollte einem eigentlich geholfen werden. Mit einem selbstherrlichen Ressortleiter wie Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) bleibt das aber wohl eine Utopie. Gibt aber auch eine gute Nachricht. Ein Kamerateam dokumentiert Strombergs Missetaten auf Schritt und Tritt. Wobei der gravierende Mangel an Fachkenntnis und sozialem Einfühlungsvermögen Stromberg nicht davon abhält, vor laufender Kamera sich selbst das „verdiente“ Denkmal setzen zu wollen.

 

Die Einführung von Bernd Stromberg

Bernd Stromberg sitzt in seinem Büro und erzählt in die Kamera von seiner Arbeit als Ressortleiter der Schadensregulierung. Jeder Tag, so Stromberg, ist für ihn eine Herausforderung. Stimmt aber wohl eher für den IT-Mann, der am Boden kniend gerade Strombergs Rechner repariert. Während Stromberg über Zusammenhalt in der Firma philosophiert, rollt er dem armen Jungen erst mal unbeabsichtigt mit dem Stuhl über die Hand. Eine Entschuldigung gibt es nicht.

Auch nicht entschuldbar: dass der junge IT-Mann zugibt einen der besten Parkplätze der Firma ergattert zu haben. Dabei hat Stromberg doch gerade damit geprahlt, dass ihn derartige Statussymbole nicht interessieren. Aber ein IT-Angestellter mit besserem Parkplatz? Findet unser Bernd gar nicht lustig. Stattdessen macht er sich lustig. Und zwar über den Herrn Hilpert, der für die Parkplatzvergabe zuständig ist. So wie der klingt raucht der bestimmt Asbestzigaretten.

Stimmt aber nicht. Die Antwort kennt unser aufgeweckter IT-Junge. Klärt den guten Stromberg erst einmal darüber auf, dass der arme Hilpert unter schwerem Asthma leidet. Und macht nebenbei noch auf die Sexseiten aufmerksam, die vor kurzem auf Strombergs Rechner aufgerufen wurden. So eine investigative Arbeitsmoral ist Stromberg dann aber doch eindeutig zu viel – er schickt den jungen Mann aus dem Büro. Um sich dann wieder brav der „Arbeit“ an seinem Bildschirm zu widmen.

Die Analyse:

Die allererste Einstellung. Die Kamera beobachtet Stromberg aus sicherer Entfernung. Der gute Bernd hat einen Aktenordner in der Hand und sitzt in seinem Büro. Der Ordner ist geöffnet. Strombergs Augen nicht. Stromberg wacht aus seinem Sekundenschlaf auf und liest gelangweilt weiter, bevor er den Ordner dann zur Seite legt.

Das ist also erste Eindruck, den wir als Zuschauer von Stromberg bekommen. Zumindest visuell. Gleichzeitig spricht Stromberg nämlich auch noch über seine Arbeit. Und in Sachen Audio ist das eine ganz andere Geschichte. Hier beschreibt er nämlich die Büroarbeit als Achterbahnfahrt. Acht Stunden lang ein ständiges Auf und Ab – so sieht das unser Schadensregulierer. Ein Widerspruch, der in dieser Einführung System hat.

Arbeit kann auch entspannend sein – Stromberg „liest“ Akten (Foto: ©Sony Music Entertainment)

Eine Einführung voller Widersprüche
Die Worte von Stromberg passen nun nicht so wirklich zu dem, was wir hier sehen. Die Erklärung dafür folgt auf den Fuß. Die Kamera wechselt nun die Perspektive und es wird klar, dass diese Worte aus einem Interview mit Stromberg stammen, welches dieser in seinem Büro gerade in eine Kamera gibt. Wo er dann auch gleich den nächsten schmissigen One-Liner raushaut: Jeder Tag ist für ihn hier eine Herausforderung. Was aber umgehend dadurch relativiert wird, dass neben ihm ein IT-Mann seinen Kopf hebt. Kniend repariert dieser gerade mühsam Strombergs Rechner – während unser Protagonist das Scheinwerferlicht genießt.

Widersprüche also wo hin man schaut. Schon in den ersten 10 Sekunden widerspricht sich das was wir von Stromberg sehen mit dem was wir von ihm hören. Diese Widersprüche erfüllen gleich zwei Aufgaben: sie sorgen für Humor und gleichzeitig Charakteraufbau. Was ja dann auch die beiden Pflichtkriterien für die Einführung einer Hauptfigur in einer Comedyserie sind. Und wie oft im Sitcom-Bereich, kommt „Stromberg“ direkt in der ersten Szene schon auf den Punkt. Schließlich hat man ja nicht einmal 30 Minuten und so wird gleich der Kern der Serie vor uns offen gelegt. Der lautet: Unsere egomanische Hauptfigur möchte sich im besten Licht präsentieren, wird aber immer wieder von der Realität der Lüge überführt.

Hier hilft jeder jedem – außer der andere parkt besser. (Foto: ©Sony Music Entertainment)

Souverän sieht anders aus
Während also Stromberg inbrünstig an einer schönen Aussenfassade seines „Charakterhauses“ pinselt, kann der Zuschauer durch die zahlreichen Fenster einen Blick auf die wahren Charakterzüge unserer Hauptfigur werfen. Dieses Vorgehen wird von der Eröffnungssequenz konsequent weiter durchgezogen. Nicht nur, dass der gute Bernd offensichtlich gar nicht so hart arbeitet wie er meint. Er ist auch nicht der fürsorglich-soziale Ressortleiter, für den er sich hält. So hebt Stromberg, mit Blick auf den IT-Mann neben ihm, als nächstes die Hilfsbereitschaft in der Firma hervor. Nur um wenige Sekunden später dem armen Kerl mit seinem Stuhl über die Hand zu rollen. Noch entlarvender ist dabei die Tatsache, dass sich Stromberg dafür nicht einmal entschuldigt.

Die Fassade stürzt also schneller zusammen, als Stromberg bauen kann. Und die Figur wird Stück für Stück in ein immer unvorteilhafteres Licht gerückt. Status sei ihm nicht wichtig prahlt Stromberg. Um nur wenige Sekunden später wieder aufzufliegen, als er auf den neuen Parkplatz des IT-Mannes neidisch ist. Souveränität ist auch nicht sein Steckenpferd, denn als nächstes teilt Stromberg in Richtung des armen Herrn Hilpert aus, der für die Parkplatzvergabe zuständig ist. Und es tritt ein Charakterzug zu Tage, den wir noch oft von Stromberg sehen werden: Gehässigkeit als Antwort auf eine für Stromberg gefühlte „Gotteslästerung“. Sozialkompetenz 6, setzen.

Der Hilpert raucht Asbestzigaretten. Einfühlungsvermögen mangelhaft. (Foto: ©Sony Music Entertainment)

Holzhammer statt Nagelfeile
Es gibt im Comedybereich aber auch noch ein weiteres gern genutztes Vorgehen. Je härter das Klischee, desto besser. Also wird die Hauptfigur nicht einfach nur in den moralischen Abgrund gestoßen, sondern geradezu hinunter katapultiert. In dem als nächstes Sexseiten auf dem Rechner entdeckt werden. Der Hang zur Übertreibung ist im Comedybereich wohl eines der stärksten Stilmittel und so wird unser Protagonist in der ersten Szene eben gleich mal richtig lächerlich gemacht. Subtil sieht anders aus. Aber alles eben im Dienste der Comedy. Etwas tiefer läßt da schon die Reaktion von Stromberg blicken. Ein Mann ohne viel Rückgrat, der seine Enttarnung spürbar hilflos zur Kenntnis nimmt und unsouverän versucht davon abzulenken. Ein ganz armes Würstchen.

Womit sich dann am Ende eigentlich vor allem eine Frage stellt: Wie kann denn so eine Figur beim Zuschauer funktionieren? In einer Einführung, die nun wirklich kein gutes Haar an seiner sowieso schon halbkahlen Hauptfigur läßt. Das wir es hier offensichtlich mit einer Karikatur zu tun haben, ist natürlich ein Punkt. Entscheidender ist aber das dazu passende Adjektiv. Stromberg ist nämlich lächerlich. Und ungefährlich. Dass die Figur sozusagen vor laufender Kamera enttarnt wird und offensichtlich auch mit der eigenen Verteidigung überfordert ist, macht sie vor allem eines: harmlos. Als Zuschauer entwickelt man in dieser Einführung deswegen sogar fast ein bisschen Mitleid gegenüber dem Protagonisten.

Ertappt – Stromberg muss weiterarbeiten auf Russenschlampen.de (Foto: ©Sony Music Entertainment)

Ein harmloser Junge
Natürlich ist der Humor, auch wenn das wiederum sehr subjektiv ist, in der Einführungsszene ganz gut gelungen. Hier geht man bei „Stromberg“ nach durchaus bekanntem Muster vor, in dem die Figur bereits in kurzer Zeit auf extremste Weise karikiert wird. Spannender ist aber eben die Tatsache, dass hier diese extremen Eigenschaften uns als Zuschauer normalerweise abstoßen sollten und uns diese Figur madig machen müssten. Aber die Einführungsszene schafft es geschickt, dass wir doch auf eine harmlose Art und Weise über Stromberg lachen können. Und das ist ein ganz entscheidendes Kriterium, um es mit dieser Figur noch 5 weitere Staffeln aushalten zu können.

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