Film

Charles Foster Kane – Citizen Kane

Der beste Film aller Zeiten? Vielleicht. Eine der faszinierendsten Figuren der Kinogeschichte? Definitiv. Muss erkennen, dass Märchenschlösser nicht vor Einsamkeit schützen: Charles Foster Kane.

Citizen Kane (1941) – Die Story

Drehbuch: Herman J. Mankiewicz, Orson Welles
Im Jahre 1941 stirbt der berüchtigte amerikanische Zeitungsmagnat Charles Foster Kane (Orson Welles) einsam in seinem mystisch-monumentalen Privatschloss. Aber kein Abgang ohne tiefsinnige letzte Worte. In diesem Fall sogar nur eins: Rosebud. Welches wiederum die Phantasie eines Reporters beflügelt, der sich auf die Suche nach dessen Bedeutung macht und bei seiner Recherche das ereignisreiche Leben des exzentrischen Millionärs rekonstruiert.

Hier das komplette Intro. Wer noch mehr möchte, den ganzen Film gibt es legal hier zu sehen. Aber wehe ich erwische jemanden, wie er das Ding auf einem Smartphone schaut…

Die Einführung von Charles Foster Kane

Langsam fährt die Kamera an einem „No Trespassing“-Schild entlang, das an einem großen Zaun angebracht ist. Dahinter, auf einem Berg, ein mysteriöses Schloss im Nebel. Nur ein einziges Licht brennt. Die Umgebung des Schlosses: menschenleer. Aus einiger Entfernung sehen wir durch ein Fenster ein Bett in einem riesigen Raum.

Im Raum erkennen wir nun die Umrisse eines im Bett liegenden Mannes. Schnitt zu einem Haus im Schneetreiben. Das sich allerdings als Miniaturhaus im Inneren einer Schneekugel entpuppt. Die wiederum in der Hand unseres mysteriösen Mannes liegt. Dessen Lippen bewegen sich auf einmal: „Rosebud“. Die Schneekugel entgleitet dem Mann und zerbricht am Boden. Eine Krankenschwester betritt den Raum. Sie legt die Arme des Mannes über dessen Körper und zieht die Bettdecke über sein Gesicht. Er ist tot.

Die Analyse

„Citizen Kane“ ist einer der faszinierendsten Filme der Kinogeschichte. Eine intellektuelle Tour-de-Force, deren begnadete Inszenierung einen noch heute in Staunen versetzt. Verdammt ist das ein cleverer Film. Aber gleichzeitig auch ein so unglaublich kühles Werk. So dürfte sich für eine Frau ein Date mit Sherlock Holmes anfühlen. Intellektuell ungemein stimulierend, aber warm ums Herz wird einem nur selten. Was sicher auch an einer über weite Strecken unnahbaren Hauptfigur liegt. Womit wir bei der spannenden Frage wären: Wie clever führt unser cineastischer Meilenstein seinen legendären Protagonisten ein?

Die Antwort ist nicht wirklich überraschend. Es ist eine Einführung mit jeder Menge Köpfchen – und eine verdammt komplexe Sache. Und da der Film ja sowieso allen anderen Filme intellektuell überlegen ist, klärt er uns wenige Minuten nach der Einführungssequenz auch noch selbstsicher darüber auf, was guten Charakteraufbau denn überhaupt so ausmacht. Dafür lohnt es sich dann auch, einmal kurz unsere Eröffnungssequenz hinten an zu stellen und auf das zu schauen, was sich danach abspielt.

Ein Blick vor die Kulissen – Charles Foster Kane im Newsreel (Foto: ©Warner Home Video)

Die Essenz einer Figur
Nachdem wir dem Ableben von Charles Foster Kane nämlich beigewohnt haben bekommen wir vom Drehbuch ein Kino-Newsreel serviert. Hier wird, zum Anlass von Kanes Tod, dessen komplettes Leben noch einmal in einem Bericht nacherzählt. Und das fast 10 Minuten lang! Alle wichtigen Stationen seines Lebens werden dabei abgehandelt. Also all das, was Charles Foster Kane geleistet hat und was wir heute in einem Wikipedia-Eintrag über ihn finden würden. Als das Newsreel zu Ende ist erkennen wir, dass eine Gruppe von Reportern sich dieses gerade angeschaut hat. Und nun gemeinsam darüber diskutiert, ob dieser Beitrag dem Leben von Charles Foster Kane denn gerecht wird. Einer der Reporter sagt dann die entscheidenden Worte: „It isn’t enough to tell us what a man did. You’ve got to tell us who he was.“

Mit dieser Aussage beginnt die eigentliche Story von „Citizen Kane“. Auf der Suche nach der Essenz der Hauptfigur, macht sich ein Reporter daran, das Geheimnis hinter Kanes berüchtigten letzten Worten zu entdecken. Eigentlich ist „Citizen Kane“ also ein Film über Charakteraufbau – was könnte schöner zu diesem Blog passen. Genauso passend sind auch die Worte unseres Reporters. Denn seine Aussage ist ja gleich in doppelter Hinsicht clever. Zum einen, weil es einfach eine intelligente Aussage über Charakteraufbau allgemein ist, die sich jeder Geschichtenerzähler zu Herzen nehmen sollte. Und zum anderen, weil der Film damit geschickt die gerade erfolgte „plumpe“ Präsentation der Fakten intelligent rechtfertigt.

Auf der Suche nach der Essenz – so sieht Journalismus aus (Foto: ©Warner Home Video)

Selbstreflexion ist sexy
Denn all diese Fakten ergeben zwar am Ende keinen runden Charakter, sind aber trotzdem natürlich eine wichtige Stütze, um überhaupt richtigen Charakteraufbau betreiben zu können. So schlägt „Citizen Kane“ gekonnt zwei Fliegen mit einer Klappe. Der Film liefert einen Haufen trockener Fakten, kommt aber mit der „simplen“ Idee eines nüchternen Nachrichtenbeitrags beim Zuschauer durch, weil er sich im Nachhinein sozusagen dafür selbst „kritisiert“. Selbstreflexion ist halt einfach immer sexy. Wie schon gesagt, ein Film mit jeder Menge Köpfchen.

Und eben weil „Citizen Kane“ so clever ist, legt er ja auch nicht mit dem Newsreel los. Sondern liefert uns zu Beginn erst einmal eine Art Charakter- und Storyteaser und läßt uns dabei dem Tod von Charles Foster Kane beiwohnen. Das Wunderschöne dabei ist, dass der Film uns in dieser Eröffnungssequenz eigentlich so gut wie keine Fakten liefert. Stattdessen wird uns hier die Hauptfigur des Filmes vor allem durch das Setting und die Atmosphäre nähergebracht. Wobei nähergebracht wohl der falsche Ausdruck ist. Charles Foster Kane wird in der Einleitung nämlich vor allem eines: überhöht. Er wird fast zu einem Wesen aus einer anderen Welt stilisiert, das für den Zuschauer nicht zu greifen ist. Ein Protagonist als menschliches Rätsel, dessen Charakter nun in den nächsten beiden Stunden langsam Stück für Stück entmystifiziert werden soll.

Besucher unerwünscht – das geht ja gut los (Foto: ©Warner Home Video)

Ende eines Märchens
„No Trespassing“ – kein Zutritt. Gleich die erste Einstellung des Filmes macht deutlich, dass wir nun etwas sehen werden, was so leicht sonst keiner zu Gesicht bekommt. Der anschließende lange Schwenk über den Zaun verstärkt diese Botschaft nur noch. Bevor wir aber nun auf unseren Hausherren treffen bekommen wir erst einmal einen kleinen Rundgang über sein Anwesen serviert. Wobei dieser Rundgang gleichzeitig ein wundervolles Spiegelbild des aktuellen Zustandes unserer Hauptfigur ist. Kühl, verfallen, einsam, dem Tode nahe – im Wesentlichen kommt in den ersten Bildern Friedhofsstimmung auf.

Gleichzeitig streut man aber auch geschickt Hinweise ein, dass es hier eigentlich auch mal deutlich fröhlicher zuging. Die beiden auf Gittern sitzenden Affen wirken dabei schon fast surreal in diesem so düsteren Szenario. Die Boote, der Blick über den Golfplatz oder eben auch die Affen – all das sind Eindrücke, die man eigentlich mit Aktivität und Leben assoziiert. Aber durch die traurige Atmosphäre wirken all diese Dinge wie Zeugnisse aus einer lange vergangenen Zeit. Die Message dabei ist klar: Dieser Ort hat seine besten Tage hinter sich.

Düstere Aussichten – da verschlägt es auch den Affen die gute Laune (Foto: ©Warner Home Video)

Die Ruine eines Mannes
Nur ganz oben im Schloß, da brennt tatsächlich noch ein letztes Licht. Der letzte Kampf des Lebens gegen den herannahenden Tod, der das restliche Anwesen schon in seinen Besitz genommen hat. Wir haben noch kein einzigen Blick auf Charles Foster Kane erhaschen können, aber alleine durch Setting und Atmosphäre schon einen gewissen Vorgeschmack von dem bekommen, was uns hier erwarten könnte. Vor allem sind wir unglaublich neugierig, denn man möchte natürlich wissen welche Geschichte hinter diesen Mauern und diesem surrealen Anwesen steckt. Es ist so ein bisschen wie wenn man die alte Ruine einer Burg besichtigt – es beflügelt vor allem die Phantasie.

In diesem Fall haben wir es auch mit einer menschlichen Ruine zu tun – und was für einem Menschen. Es ist klar, hier wohnt nicht irgendwer. Erst nach einem beschwerlichen Weg darf der Zuschauer einen Blick in das Schloß und auf dessen Besitzer werfen. Kaum eine andere Einführungssequenz der Kinogeschichte ist so gut darin, seine Hauptfigur derart zu überhöhen. Dabei geht es im Schloß selbst dann genauso kühl zu wie in dem Garten davor. Mit einer Ausnahme: Das Schneetreiben in der kleinen Glaskugel, die Kane bei seinem Tod in der Hand hält. Zusammen mit dem wohl berühmtesten Wort der Filmgeschichte ist das ein wundervoller Teaser für einen zentralen Aspekt unserer Figur, der erst ganz am Schluß für das Publikum aufgelöst wird. Übrigens bekommen wir auch hier mal wieder nicht das ganze Gesicht unserer Hauptfigur zu sehen – wie ja so oft in Einführungen üblich, die ihre Hauptfigur etwas mystifizieren möchten.

Eine zerbrechliche Angelegenheit – in dieser Glaskugeln sieht man nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit (Foto: ©Warner Home Video)

It’s lonely at the top
Auch die Schneekugel zerbricht schließlich, als Charles Foster Kane sein Leben aushaucht. Kane stirbt einsam und lediglich eine „neutrale“ Krankenschwester verrichtet danach kühl und professionell ihre Pflicht – von einem trauernden Umfeld ist weit und breit nichts zu sehen. Ein weiteres Rätsel. Hier ist eine Person, die offensichtlich Großes geleistet hat, aber die nun abgeschottet und einsam aus dem Leben scheidet. Und so stellt man sich nach dieser Einführungssequenz als Zuschauer vor allem eine Frage: Wie konnte es soweit kommen?

Die Antwort darauf wird den Zuschauer nun die nächsten knapp zwei Stunden beschäftigen. Unsere Einführung hat dafür aber die perfekte Grundlage geschaffen. Wir sind nämlich sowas von neugierig auf die Auflösung. Das diese Neugier hauptsächlich über das Setting und die Inszenierung erzeugt wird, und dabei nur ein einziges (und dann auch noch äußerst mysteriöses) Wort gesprochen wird, zeugt von der Klasse des Filmemachers Orson Welles. Das der die nächsten beiden Stunden dann auch noch auf dem selben Niveau einfach so weiter macht ist eine ganz andere Sache. Wobei die intellektuelle Herangehensweise von Welles eben auch den Nachteil hat, dass man für einen emotionalen Filmabend sich dann doch lieber einen „Rick“ als einen Charles an die Seite wünscht. Was natürlich das positive Fazit trotzdem nicht schmälert. Welles gelingt hier eine meisterhafte Einführung für einen meisterhaften Film.

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