Serie

Gereon Rath – Babylon Berlin

Endlich nimmt die deutsche Fernsehindustrie mal richtig Geld in die Hand. Nur um die Protagonisten von Babylon Berlin alles auf wilden Partys verprassen zu lassen. Versucht bei all dem Trubel zu ermitteln: Kommissar Gereon Rath.

Babylon Berlin (seit 2017) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Achim von Borries, Tom Tykwer, Henk Handloegten
Der Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) wird in den Jahren der Weimarer Republik von Köln nach Berlin versetzt, um dort einer Spur in einem mysteriösen Erpressungsfall nachzugehen. Und wie es in der guten alten Hauptstadt halt so ist, landet er schon bald in einem scheinbar undurchdringbaren Sumpf aus Drogen, Revolution, Korruption und Mord. Da ist es jetzt nicht gerade hilfreich, dass Rath auch noch seine eigenen Ängste aus seiner aufgewühlten Vergangenheit mit sich herumschleppt.

 

Die Einführung von Gereon Rath

„Atmen Sie ganz ruhig“. Meint der nicht ganz vertrauenserweckende Hypnotiseur zu Gereon Rath. Und will diesen mal eben zu der Quelle seiner ganz ureigenen Ängste führen. Angespannt durchlebt Gereon daraufhin in einer schnell geschnittenen Montage scheinbar zusammenhanglose Eindrücke aus seiner Vergangenheit. Ob wilde Tanznächte, nackte Frauenkörper, gewalttätige Demonstrationen oder blutige Hundekadaver – hier ist alles vertreten. Gereon wird mit gezogener Waffe bedroht, mit dem Kopf durch die Glasscheibe eines Autofensters gedrückt und ertrinkt fast in einem See. Ein kurzer Ausflug auf ein Kriegsschlachtfeld und eine wilde Schießerei im Restaurant gibts noch obendrauf.

Bei soviel Gewalt kann eine kleine Beichte nicht schaden. So findet sich Gereon im zweiten Teil seiner Vision kniend in einer Kirche wieder. Der Hypnotiseur teilt ihm mit, dass er sich in seiner Heimatstadt Köln befindet. Kurz bevor er zum Krieg eingezogen wird. Auf Gereons Weg durch die Kirche läuft sein Vater an ihm vorbei und am Ausgang steht, mit dem Rücken zu Gereon, eine Frau im Brautkleid. Das ist deine große Liebe – behauptet zumindest der Hypnotiseur. Und fügt hinzu, dass irgendetwas Gereon von ihr trennt. Das ist dann zu viel für den guten Jungen – er bricht die Vision unter Schmerzen ab.

Die Analyse

Wir können auch modern sein. Sagt sich die deutsche TV-Szene und versucht mit „Babylon Berlin“ den ganz großen Wurf. Eine moderne Serie braucht natürlich auch einen modern anmutenden Einstieg und den liefern uns die Macher. Der Trend (siehe „Breaking Bad„, „The Walking Dead„) im modernen Serienkino erst einmal mit einem Paukenschlag mitten in die Geschichte einzusteigen wird auch hier aufgegriffen. Man will ja das Publikum schon mal neugierig machen, bevor wir dann ganz klassisch mit dem „richtigen“ und ruhigen Anfang der Geschichte loslegen.

Im Falle von „Babylon Berlin“ wird dies aber schon fast auf die Spitze getrieben. Was wir hier in der Eröffnungssequenz geliefert bekommen ist eigentlich nichts anderes als ein Trailer. So bekommen wir im ersten Teil von Gereons Vision eine schnelle Aneinanderreihung möglichst actionlastiger Szenen serviert, die uns im weiteren Verlauf erwarten werden. Soll bloß keiner denken, dass das hier langweilig werden könnte. Im zweiten Teil der Vision geht man dann zumindest ein klein wenig tiefer und verrät uns, dass in dieser Geschichte Gereons Liebe zu einer Frau wohl eine sehr zentrale Rolle spielen wird.

Hypnose macht es möglich – Erste Einblicke in Gereons Vergangenheit (Foto: ©ARD Degeto)

Die Ängste der Hauptfigur
Auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt, als ob wir dank der Hypnose tief in die Hauptfigur eintauchen – so richtig viel Charakteraufbau wird hier nicht betrieben. Nehmen wir einmal das Beispiel des Vaters, der an Gereon vorbeiläuft. „Das ist dein Vater“ – mehr bekommt man über diesen oder dessen Beziehung zu Gereon nicht geliefert. Was dessen Kurzauftritt dann auch irgendwie etwas unnötig erscheinen läßt. Infos zu Gereon schiebt die Serie zum großen Teil nach hinten, nur ein paar Kleinigkeiten sickern am Anfang durch.

Damit das oft etwas plump anmutende Mittel des Monologs dabei nicht eingesetzt werden muss, bedient man sich hierbei einer dritten Person: dem Hypnotiseur. Wir erfahren durch ihn ein paar Eckdaten zu Gereon, wie den Namen seiner Heimatstadt oder dass er zum Krieg eingezogen wurde. Die beiden wichtigsten Infos betreffen aber persönliche Dinge. Unser Hypnotiseur macht deutlich, dass Gereon tief sitzende Ängste plagen und dass ihn irgendetwas von seiner großen Liebe trennt.

Zuviel des Guten – Seine große Liebe bringt Gereon an seine Grenzen (Foto: ©ARD Degeto)

Traumatisches Puzzle
Die Rolle dieser mysteriösen Frau wird dadurch so betont, dass sie am Ende der Vision steht – noch nach den blutigen Bildern von Schlachtfeldern oder Tierkadavern. Die Kamera zeigt, wie die Frau im Brautkleid sich zu Gereon umdreht, er aber die Vision abbricht, bevor er (und der Zuschauer) mit ihrem Gesicht konfrontiert werden. Das ist also wohl die größte Angst, der sich Gereon stellen muss. Und auch das größte der vielen Puzzleteile, welche der Zuschauer in dieser Eröffnungssequenz hingeworfen bekommt. Unsere Hauptfigur hat offensichtlich Traumatisches erlebt und in der Eröffnungsszene bricht all dies ungefiltert heraus.

Was der Abschnitt in der Kirche dabei durchaus gekonnt macht, ist das Tempo aus der anfänglichen Bilderflut zu nehmen. Er verdeutlicht so, dass diese Figur sich in Wahrheit nach Ruhe und Erlösung sehnt. Schließlich ist die Kirche ja auch der Ort, den Menschen oft dann besuchen, wenn sie nach Antworten suchen. Das darf nicht nur sinnbildlich hier für die Figur verstanden werden – auch der Zuschauer würde sich über Antworten freuen. Gibt es aber (noch) nicht und so wird der Zuschauer aus der gesamten Sequenz mit einem eher wirren Gesamtbild entlassen, an dessen Erklärung die Serie nun mehrere Staffeln lang arbeiten wird.

Endlich Ruhe – In der Kirche sucht Gereon nach Antworten (Foto: ©ARD Degeto)

Empathie mit Verspätung
Natürlich hat diese Herangehensweise ihre Stärken. In dem man kurz den Story-Motor aufheulen lässt, nur um danach ganz sanft Fahrt aufzunehmen, bietet man allen Zuschauern etwas. Wer Action und Spannung will, wird durch das Intro stimuliert. Und wer ruhige Charakterentwicklung bevorzugt wird danach bedient.

Was für ein Typ dieser Gereon aber genau ist und wie er tickt, dazu bekommen wir eben kaum entscheidende Hinweis geliefert. Was dann dafür sorgt, dass die Figur in dieser Sequenz noch sehr neutral und glatt rüberkommt. Wirkliche Empathie aufzubauen ist hier schwierig. Die Serie entscheidet sich wie gesagt das alles auf später zu vertagen. Kann man machen, muss man aber nicht. So bleibt ein zwar modernes aber doch irgendwie auch zu glattes Intro, dem ein Spritzer mehr Kreativität durchaus gut getan hätte.

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