Serie

Don Draper – Mad Men

Männer sind Schweine. In der amerikanischen Werbeindustrie der 1960er Jahre aber eher ein Bonus als ein Hindernis. Zeit für einen Drink mit Don Draper.

Mad Men (2007-2015) – Die Story

Drehbuch Episode 1: Matthew Weiner
Fluppen, Whiskey und schneller Sex – der ehrgeizige Werbefachmann Don Draper (Jon Hamm) genießt die 60er Jahre in New York. Währen Draper und seine Kollegen für prominente Kunden erfolgreiche Werbekampagnen auf die Beine stellen, kommt der Zuschauer auch noch zu einem zusätzlichen Genuss: der genauso kritischen wie liebevollen Auseinandersetzung der Serie mit der damaligen Gesellschaft.

 

Die Einführung von Don Draper

Wir treffen Don Draper im Anzug in einer schicken New Yorker Bar. Sein Drink ist leer, sein Kopf dagegen nicht – eifrig schreibt Don Notizen auf eine Serviette. Seine Gedanken werden von dem farbigen Kellner Sam unterbrochen, den Don daraufhin nach Feuer fragt. Don nutzt die Gelegenheit, um eine kleine Diskussion rund um Sams Lieblings-Zigarettenmarke Old Gold zu beginnen. Als ein weißer Kellner dazu kommt und sich besorgt erkundigt, ob Sam etwa Don belästige, wiegelt Don direkt ab.

Don horcht Sam weiter aus und fragt, ob es denn möglich wäre, Sam zu einem Markenwechsel zu überreden: Lucky Strike statt Old Gold. Sam bezweifelt das, gibt aber zu, dass er in einem absoluten Notfall natürlich wechseln würde – schließlich liebt er das Rauchen. Sam erwähnt, dass seine Frau im Magazin Reader’s Digest gelesen habe, dass Rauchen tödlich sei. So sind sie halt, die Frauen und ihre Magazine, fügt Sam hinzu. Beide Männer müssen lachen. Nachdenklich blickt sich Don anschließend in der Bar um und mustert die vielen gut gekleideten Besucher, von denen fast jeder mit einer Zigarette in der Hand entspannt den Abend genießt.

Der Traum eines jeden Arbeitgebers. Don lebt seinen Job – selbst abends in der Bar. (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Analyse: Mit Kreativität zum hohen Status

Es ist ein atmosphärisch sehr dichter Beginn den “Mad Men“ da in seiner Eröffnungsszene in einer schicken Bar hinlegt. Aber neben dem stimmungsvollen Setting, einem wundervollen Soundtrack und den hochprozentigen Drinks bekommt man hier auch noch sehr feines und subtiles Stück Figurenzeichnung serviert.

Mann muss aber schon genau hinschauen, wenn man die in dieser Szene etablierten Nuancen der Figur erkennen möchte. Und man darf sich auch nicht in die Irre führen lassen. So könnte man leicht interpretieren, dass Draper sich im Gespräch mit den beiden Kellnern auf die Seite des farbigen Kellners schlägt, und dessen arroganten (weißen) Kollegen die kalte Schulter zeigt, weil er diese unterschwellige Art von Rassismus nicht gut heißt. Aber Draper geht es in dieser Szene um etwas anderes. Er nutzt Sam als wichtige Informationsquelle für seine Inspiration und damit sozusagen als „Arbeitsmittel“. Draper ist hier nämlich mitten in seinem Element, der Ideenfindung für Werbebotschaften, und niemand darf ihm dabei in die Quere kommen.

Don lebt für seine Arbeit – das ist die offensichtlichste Botschaft dieser Szene. Welcher Job das ist wird wieder einmal ganz klassisch mit einer Texttafel gleich zu Beginn etabliert, die uns den Begriff „Mad Men“ näher erläutert (eine Bezeichnung für Fachleute aus der Werbebranche, die in den 1960ern in New York in der Madison Avenue arbeiteten). Draper ist ein solcher und da er hier selbst spätabends noch hochmotiviert in einer Bar über einer Werbebotschaft brütet, wird gleich mal gezeigt, dass er diesen Job auch liebt.

Diese Bar ist aber nicht irgendeine Bar – es ist eine verdammt stylische. Man hätte Draper als „Kreativen“ natürlich zu Beginn auch bei einem Bier in einem deutlich bodenständigeren Etablissement auftreten lassen können – aber dann wäre es eine andere Figur gewesen. Draper ist weder die Sorte verplanter Kreativkopf, noch jemand, der nur alle sechs Monate beim Frisör vorbeischaut. Stattdessen ist er immer wie aus dem Ei gepellt, liebt gute Drinks und bekommt so natürlich das entsprechende Ambiente verpasst. Charakter und Setting – das ist oft untrennbar miteinander verbunden.

Im Zusammenspiel mit Sam erfahren wir dann aber noch mehr über diese Figur. Alleine die Tatsache, dass Don sein Frage-Antwort-Spiel mit einem wildfremden Kellner beginnt, zeigt uns, wie motiviert er seinem Job nachgeht. Vor allem zeigt das clevere Ausfragen durch Draper aber auch, wie kreativ und gut er in seinem Job ist. Seine freudige Reaktion, als Sam ihm etwas antwortet, was als Werbeslogan durchgehen könnte, hebt seine Leidenschaft für diesen Job noch mal weiter hervor.

Die klaren Worte gegenüber dem zweiten Kellner zeugen dann auch von einer starken Selbstsicherheit – zumindest in diesem Setting. Don wird als ganz klassischer Alpha Mann eingeführt, der sich nicht von außen reinreden läßt. Ebenso bekommen wir verdeutlicht, dass Don ganz schön hartnäckig sein kann. So nimmt er Sam solange ins Kreuzverhör, bis er auch wirklich eine befriedigende Antwort für sich gefunden hat.

Am aussagekräftigsten ist aber vor allem Dons vielsagender, etwas arrogant-freudiger Blick, als der Kellner sich abfällig darüber äußert, dass Frauen immer alles glauben, was in ihren Zeitschriften steht. Das sind nämlich genau die Zeitschriften, die Draper mit seinen Werbebotschaften füllt und mit denen er dafür sorgt, dass Frauen (wie die von Sam) subtil manipuliert werden. Man hört hier schon fast Drapers innere Stimme sagen: “Wenn du wüsstest Sam, dass deine Frau indirekt auf meine Worte hört“.

Diese Reaktion von Don ist ein ganz entscheidender Charaktermoment dieser Szene. Schon vorher ist Draper, alleine vom Status her, Sam ja überlegen. Aber in diesem Moment bekommt diese Macht eine ganz andere Dimension. Überspitzt formuliert: Don kann Sams Frau manipulieren und dieser Tor steht nun völlig ahnungslos vor ihm. Don genießt diese Erkenntnis spürbar, die Macht und den Status, die ihm sein Job verleihen. Die Quintessenz einer ganzen Szene, verpackt in einen einzigen Blick. Wir bekommen eine erste Ahnung, warum Draper seinen Job so liebt.

Das Spiel beginnt – Draper nutzt Sam als Inspirationsquelle (Foto: ©Universal Pictures Germany GmbH)

Aber macht dieser Anflug von Arroganz es nicht für den Zuschauer schwierig, sich mit dieser Figur zu identifizieren und zu sympathisieren? Da kommen wir wieder zu dem beliebten Punkt, dass Hauptfiguren nicht zwangsläufig sympathische Menschen sein müssen, um vom Zuschauer „geliebt“ zu werden. Draper erntet in der ersten Szene durch sein cooles Auftreten und seine Eloquenz, weniger durch Sympathie, die Bewunderung des Publikums (und bei weiblichen Zuschauern mögen da auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen).

Das wir uns in dieser ersten Szene mit Don aber trotzdem irgendwie auch identifizieren, liegt an einem anderen cleveren Vorgehen des Drehbuches: Draper stellt nämlich Fragen. Jede Menge clevere Fragen. Und damit nimmt man den Zuschauer geschickt mit auf die Reise, denn diese Fragen erzeugen Spannung. Schließlich sind wir neugierig, wo das Ganze hingeht und rätseln selbst ein bisschen mit, welche Schlüsse Draper wohl aus Sams Antworten zieht. Gefühlt sind wir so auf einmal doch mit im Kopf von Draper – oder fragen uns zumindest, was darin nun gerade vorgeht. Mit anderen Worten, wir haben auf einmal Interesse an dieser Figur und ihren Motiven. Es ist ein klein wenig so, als ob man Sherlock Holmes beim kombinieren beiwohnt. Nur weil ein Protagonist vielleicht nicht gerade warmherzig ist, bedeutet das eben nicht, dass ich ihn nicht trotzdem an den Zuschauer binden kann.

Don Draper ist wahrlich eine faszinierende Figur und seine Einführung ist genauso unaufgeregt und gelungen subtil wie die ganze Serie. Es ist spannend zu sehen, wie man mit einem scheinbar harmlosen Smalltalk alleine über kleine Reaktionen und Details schon erste Charaktereigenschaften etablieren oder zumindest andeuten kann. Und es ist ein schönes Beispiel dafür, wie man dem Zuschauer auch eine eher „kühlere“ Figur näherbringen kann.

P.S.: Eine Rezension von mir zu den ersten fünf Staffeln gibt es übrigens hier bei den Jungs von filmszene zu lesen.

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